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Kampf gegen den Fluch der Götter
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Kampf gegen den Fluch der Götter

Morgen ist Welt-Lepra-Tag: Zahl der gemeldeten Fälle erstmals unter der Millionengrenze - Erkrankte häufig ausgegrenzt

Von DIRK FÖRGER und MARIANNE GROSSPIETSCH

Berlin / Katmandu - Ende November vergangenen Jahres wurde Ram Gurung ins Leprazentrum Shanti Sewa Griha in Katmandu (Nepal) gebracht. Er war Mitte 40, hatte verstümmelte Zehen, seine Hände waren verkrüppelt und der Nasenrücken eingefallen. Verschmutzte, offene Wunden bedeckten seinen ganzen Körper. Vor 20 Jahren zeigten sich bei ihm die ersten Symptome der Lepra: Seine Haut bekam weiße Flecken, seine Zehen wurden gefühllos. Vier Jahre später wurde die Krankheit für alle Menschen sichtbar, weil seine Nase einfiel.

Da verstieß ihn das ganze Dorf. Denn Lepra gilt in dem hinduistischen Königreich Nepal als Fluch der Götter, als eine Strafe für schlimme Verfehlungen, die sich der Betroffene in einer früheren Inkarnation hat zuschulden kommen lassen. Die Männer der Gemeinde sperrten ihn in einen Käfig und stellten diesen in eine Höhle. Wie ein Tier wurde er in dem Käfig 16 Jahre lang zwar mit Essen versorgt, bekam aber keinerlei medizinische Hilfe.

Ram Gurung ist kein Einzelfall. In den am meisten betroffenen 16 Nationen der Welt kommen immerhin 4,7 Erkrankte auf 10 000 Einwohner. Insgesamt in 60 Ländern ist die schon in der Bibel als "Aussatz" beschriebene Krankheit ein Gesundheitsproblem. Und häufig werden die Erkrankten auch heute noch wie Aussätzige behandelt. So leiden diese Betroffenen nicht nur an den direkten körperlichen Folgen der Lepra, sondern vor allem auch an der damit sehr oft verbundenen gesellschaftlichen Stigmatisierung.

Dabei sind auch viele Menschen in der westlichen Welt nicht von Vorurteilen frei. Beispielsweise hält sich immer noch der Glaube, daß man sich leicht mit Lepra infizieren kann. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Denn im Grunde kann der auslösende Erreger, Mycobacterium leprae, nur durch sehr engen körperlichen Kontakt übertragen werden. Das ist bei direkter Berührung einer offenen Wunde, durch Tröpfcheninfektion oder durch Übertragung von der Mutter auf das Kind möglich. Aber selbst dann spielen noch die hygienischen Umstände und der Zustand der körpereigenen Abwehrmechanismen eine große Rolle.

Weil die Bakterien sich nämlich nur sehr langsam verdoppeln - im Gegensatz zu anderen Mikroben benötigen sie Wochen statt Minuten -, kann das Immunsystem gut gegen sie vorgehen. Der Körper wird also nicht durch eine ungeheure Anzahl von Erregern überschwemmt, wie das bei anderen Krankheiten der Fall ist. Allerdings war dieser für den Menschen an sich günstige Umstand auch eine Quelle für Vorurteile: Im Fall einer Ansteckung dauert es meist Jahre oder Jahrzehnte, bis Lepra tatsächlich ausbricht. Ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist daher schlecht zu knüpfen, das Leiden erscheint als eine "Strafe Gottes".

Immerhin gelang es in der letzten Dekade, die Zahl der registrierten Leprakranken global um über 80 Prozent zu senken. Trotz verbesserter Diagnostik waren bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Ende des vergangenen Jahres nur noch rund 940 000 Fälle gemeldet (1985: 5,3 Millionen). Damit gelang es erstmals, diese Zahl unter die Millionengrenze zu drücken. Allerdings nehmen die Experten an, daß ungefähr 330 000 Betroffene bislang nicht entdeckt wurden. Zu dieser Einschätzung gelangten Spezialteams, die in Indien bei ausgewählten Populationen die gemeldeten Fälle mit der Zahl von tatsächlich Erkrankten verglichen.

Trotz aller Bemühungen werden zur Zeit noch über eine halbe Million neue Fälle pro Jahr gemeldet, von denen nach WHO-Angaben 1995 rund 457 000 auf Südostasien entfielen. In Afrika wurden 48 000 in Südamerika 40 000, auf den Inseln des Westpazifiks 12 000 und im östlichen Mittelmeerraum 5000 Menschen behandelt. Es gibt zwar noch keine Schutzimpfung gegen Lepra, der auslösende Keim, der 1873 von dem norwegischen Arzt Gerhard Henrik Armauer Hansen entdeckt wurde, kann auch nicht in Nährlösung gezüchtet u erden, sondern nur in Mäusepfoten oder in Gürteltieren. Aber inzwischen ist eine hochwirksame Dreierkombination von Chemotherapeutika bekannt, die den Lepraerreger zum Absterben bringt.

Eingesetzt wird Rifampicin, ein Mittel, das sich schon im Kampf gegen Tuberkulose bewährt hat, deren Auslöser ebenfalls zu den Mykobakterien gehört. Dazu kommt Dapson, ein Antibiotikum mit bakteriostatischen Eigenschaften, und Clofazimin. Letzteres wirkt entzündungshemmend und richtet sich ebenfalls gegen Bakterien. Die Behandlung dauert sechs Monate bis zwei Jahre. Nach Schätzungen der WHO werden inzwischen 90 Prozent aller Leprakranken auf der Welt mit diesen Mitteln behandelt. Soweit bisher bekannt ist, hat sich noch keine Resistenz gegen die Kombination entwickelt.

Wird Lepra in einem sehr frühen Stadium erkannt, kann sie gut ausgeheilt werden. Für die WHO, die den morgigen Sonntag zum Welt-Lepra-Tag erklärt hat, ist daher die Aufklärung von besonderer Bedeutung. Denn in Zentren wie dem in Katmandu müssen viele Leprakranke noch unter dem Vorwand eines anderen gesundheitlichen Problems den Arzt aufsuchen, um nicht ausgeschlossen zu werden. Die Früherkennung ist nicht nur für den Infizierten selbst wichtig, sondern auch für seine enge Umgebung, um weitere Ansteckungen zu verhindern.

Weil selbst die geheilten Menschen in Ländern wie Nepal häufig von ihrer Dorfgemeinschaft ausgeschlossen bleiben, müssen auch soziale Projekte mit den medizinischen Zentren verbunden werden. Durch Arbeiten in Reha-Werkstätten können die Betroffenen selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Dadurch fühlen sie sich allmählich wieder als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft und können so auch ihre psychischen Verletzungen überwinden.

Samstag, 25. Januar 1997


 

 

Verantwortlich: Lars | Stand: 05.10.2007



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