Kurs J. 5: „Schöpfungsgeschichten“ – vom Stein zur Skulptur

Neben dem Kennenlernen der Grundlagen des unbekannten Mediums Steinbildhauerei, der besonderen Eigenschaften des Materials Kalksandstein und der fachgerechten Anwendung der Werkzeuge ging es im Kurs um die prozessorientierte Arbeit – vom Stein zur Skulptur. Hierbei wurde ein Resultat nicht zielorientiert, sondern schöpferisch gefunden. Zunächst stand der spielerische, experimentelle Umgang mit den Materialien und Werkzeugen im Vordergrund. Über den Dialog mit dem Stein, über das Suchen nach Ausdrucksmöglichkeiten und durch das Variieren, Verwerfen, Verdichten und Optimieren wurde zum Thema eine individuelle Lösung angestrebt. Die Erfahrung von Widerständen und Frustrationen – aber auch die Erfahrung der eigenen schöpferischen Fähigkeiten, die Freude an der künstlerischen Arbeit im Austausch mit anderen Teilnehmern war ein besonderer Aspekt der Kursarbeit.
Der Arbeitsprozess
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Freitag, 19.00 Uhr: Die großen Kalksteine liegen auf den Arbeitstischen. Es nieselt.
Bildhauerei war für uns alle etwas komplett Neues. Ein unbekanntes Gebiet der Kunst, das nur noch darauf gewartet hat, entdeckt zu werden. Hammer und Meißel, Flacheisen und Zahneisen alles Neuland für zwölf mutige Hobbykünstler. Würden wir das andauernde Tick-Geräusch aushalten? Übernehmen wir uns mit der Arbeit? Kommt dabei etwas heraus, für das wir uns nicht schämen müssen? Viele Fragen begleiten uns in den Abend. |
Samstag! Es geht los! Hero und Ralf erklären die verschiedenen Arbeitstechniken und informiert uns über die Besonderheiten des Materials. Eher zögerlich machen wir uns an die Arbeit und suchen Halt bei möglichen Motiven. Hero und Ralf warnen: Herzen, Dackel und Anker sollen es nicht werden. Irgendetwas anderes – aber was? Lasst Euch ein, heißt die Devise – der Stein enthält bereits Angebote. Diese liegen in seinen Strukturen, seinen natürlichen Oberflächen und Formen. Und tatsächlich: Nachdem das Denken in Symbolen überwunden wird, entsteht ein Gefühl der Freiheit. Nichts muss umgesetzt werden – alles kann entstehen. Bald ziehen uns die Steine förmlich in ihren Bann. Schließlich können wir gar nicht mehr aufhören den Hammer zu schwingen. |
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Unermüdlich wird gearbeitet, Mahlzeiten und Pausen werden bald eher als arbeitshemmend und damit als nicht so angenehm angesehen.
Am Ende hat jede und jeder ein schönes Resultat, das uns mit Stolz erfüllt. Nun ahnen wir, was ein kreativer Prozess ist. Toll war auch, dass wir uns gegenseitig beraten, getröstet, aufgebaut haben. Auch unsere beiden Kursleiter, Hero und Ralf, standen uns immer mit Rat und Tat zur Seite. |
Die Geschichte des Steins
Die Steine - ja, des einen Wonnebrocken, des anderen Sorgenkind.
Die Geburt der Steine liegt lange zurück.
Der Sandstein ist ein organischer Stein, er besteht aus Muschelresten, die sich vor Millionen von Jahren auf dem Meeresgrund abgelagert haben - Meere, die längst ausgetrocknet sind und nicht mehr als solche, sondern in Form von Steinbrüchen existieren. Unsere Steine stammen aus den Baumbergen(nahe Münster-Westf.), wonach der Baumberger Sandstein auch benannt ist. Eine lange Reise haben sie auf sich genommen, nur um von uns erzogen, pardon, bearbeitet, zu werden.
Die Adoption. An unserem ersten Kurstreffen haben wir uns bekannt gemacht, Stein, du und ich. Alle Kursteilnehmer sind in der Dämmerung ins Freie gegangen und haben die zur Adoption freistehenden Steine begutachtet. Mit viel Muskelkraft wurden die neu Adoptierten auf Tische gehievt ( Sie glauben ja gar nicht, wie viel so ein Teil wiegt!), am nächsten Tag sollte die Arbeit beginnen.
Wir bekamen Hammer und Meißel in die Hand, sollten ... anfangen, nicht groß über das Ziel nachdenken und VOR ALLEM: auf unseren Stein hören.
Dabei gab es noch viele Verständigungsprobleme auszuräumen: die einen Steine schwatzten zu viel, manche gar nicht und andere in der falschen Sprache - doch, war auch diese Hürde überstanden, kam es zum Dialog mit dem Stein - Streitereien nicht ausgeschlossen:
Die Brocken ließen sich nicht so einfach unterkriegen: waren sie anderer Meinung, brachen sie einfach ab.
Das war ziemlich unhöflich, also waren unsere Bemühungen dementsprechend groß, ihnen Manieren einzuhämmern - meist nahmen wir Spitzmeißel, aber auch Zahn- und Flacheisen zu Hilfe. Hat man die Pubertät, die Zeit, in der die Steinkinder besonders bockig sind, erst einmal hinter sich gebracht, ist man fast schon melancholisch gestimmt, dass das Werk bald zu Ende ist, ein Gefühl, das viele Eltern sicher nachvollziehen können.
Luisa
Von Anfang an verstanden sich alle auf Anhieb. Jedem kam es so vor, als ob wir uns schon seit Ewigkeiten kannten.
Nach einigen Stunden Kursarbeit kam Routine, Sicherheit und mehr und mehr Gestaltungsfreude. In Gesprächen über unsere entstehenden Skulpturen wunderten wir uns nicht selten über uns selbst. Ohne dass wir es bemerkten, sind wir kleine Experten geworden. Mit Sachverstand konnten wir uns gegenseitig beraten, helfen und unterstützen. Das schweißt zusammen und macht eine workshop - Atmosphäre angenehm. Verletzungen traten auch immer mal wieder auf. Aber mit jeder Menge Pflaster konnten auch diese Kleinigkeiten behoben werden. Nach langen Phasen der Konzentration und intensiver Arbeit folgte Entspannung und Spaß.
Hier ein paar Zitate:
Fabian, der Stein hat doch auch Gefühle!
Dieser Stein ist taubstumm!
Können wir nicht mal eine Stunde überziehen?
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| Chiara Marquart – Tabel |
Max Ottomeier |
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| Janina Jägeler |
Frank Gnako |
Donnerstag
Gestern Abend haben wir die Skulpturen abgeschlossen. Das war gar nicht so einfach. Aber es gehört zum künstlerischen Prozess, dass man auch abschließen kann. Das letzte „Tick“, der letzte Schlag, fertig!! Plötzlich ist die Skulptur etwas, was sich vom Hersteller löst und auch ohne ihn funktioniert. Die Nabelschnur ist durchtrennt.
Was machen wir mit den vielen Splittern, die nun in der Schubkarre liegen.
Nach kurzer Diskussion haben wir eine gute Idee. Die Steine haben zeitlich und räumlich eine lange Reise gehabt – sie haben sich, wie wir, hier in Papenburg versammelt. Sie haben sich verwandelt – genauso wie wir. Wir machen eine Abschluss-Performace, einen symbolischen Akt. Alle Akademie-Teilnehmer entnehmen unserer Schubkarre einen Splitter, nehmen ihn mit nach Hause und geben ihn dort der Natur zurück. Somit bleiben wir „vernetzt“ und so bleibt auch der Gedanke an die tolle Woche in der Nähe und in Erinnerung.
Verantwortlich: Lau/ead | Stand:
13.11.2009