Gymnasium Eversten Oldenburg
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Erinnerungsgang Enno Meyer
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Erinnerungsgang 2007

Textfeld:  Dr. Enno Meyer - Die Reichskristallnacht in Oldenburg

Am Vormittag des 10. November 1938 kam ich nach Berlin. Schon auf dem Bahnhof hörte ich etwas von dem, was geschehen war: alle jüdi­schen Geschäfte demoliert, besonders in der Leipziger Straße, damals Einkaufszentrum für Textilien, Leder, Porzellan, Schmuck und vieles andere. Ich fuhr dorthin und sah, als ich aus dem U-Bahnschacht kam, die sonst so lebhafte, laute Straße völlig verändert: ohne jedes Auto, aber Fahrbahn und Bürgersteig gedrängt voll von Menschen, aber trotzdem war es völlig still, beinahe unheimlich still: kein lautes Wort, kein sonsti­ges Geräusch. Die Menschen schoben sich vorwärts, über Glasscherben, an den zertrümmerten Schaufensterscheiben entlang, an denen manch­mal noch ein aufgeklebter Davidsstern und die Inschrift „jüdisches Ge­schäft" zu sehen waren. Die Menschen betrachteten das schweigend, und wenn einmal ein halblautes Wort fiel, dann ein solches der Fassungs­losigkeit, der Empörung. Dieselbe drückende Stille auch in der Fasanen­straße, in der Nähe des Kurfürstendammes, vor der noch rauchenden Ruine der Synagoge. Ich war erschreckt, beschämt, bestürzt, und noch mehr am folgenden Tage, als ich in den Zeitungen las, dass in ganz Deutschland in einer Nacht alle Synagogen und Tausende von jüdischen Geschälten verwüstet worden waren. Diese schreckliche Perfektion war es ganz besonders, die mich erschütterte. Überall also hatte es funktio­niert, überall also hatte es Männer, „Funktionäre", in genügender Zahl gegeben, die bereit waren, einem Befehl zu gehorchen, der von ihnen verlangte, etwas zu tun, was in allen Kulturländern, zu denen Deutsch­land doch gezählt werden wollte, als Verbrechen gilt.
Auch in Oldenburg hatte es funktioniert. Oldenburger Bürger hatten die Synagoge und die jüdische Schule an der Peterstraße und die Kapelle auf dem jüdischen Friedhof in Osternburg angezündet und jüdische Ge­schäfte demoliert. Die Polizei hatte nicht eingegriffen, die Feuerwehr nicht gelöscht, wohl aber hatten Polizeibeamte in der Nacht alle Juden - Männer, Frauen und Kinder - in ihren Wohnungen verhaftet und in die Polizeikaserne am Pferdemarkt gebracht. Am nächsten Morgen hatten dann SA-Leute die jüdischen Männer in einem schmählichen Triumph­zug durch die Stadt zum Gefängnis an der Gerichtsstraße geführt. Wie hatte das geschehen können?
Letzter Anstoß war zweifellos der pathologische Judenhass, der Hitlers Denken bis zu seinem letzten Lebenstag erfüllte, schloss doch sein politi­sches Testament vom April 1945 noch mit den Worten:
„Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassengesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Ju­dentum."
Aber Hitler hatte den Antisemitismus nicht erfunden.
Wie dieser schon vorher auch hier in Oldenburg wirksam war, spricht aus dem Brief einer ehemaligen Oldenburgerin, die einmal Schülerin der Cäcilienschule gewesen ist. Sie schrieb aus Kalifornien:
„Ich habe oft darüber nachgedacht, ob der latente Antisemitismus in den Schulen von der Lehrerschaft ausging oder von der evangelischen Kir­che. Es verging kein Tag, an dem man uns nicht „Jude Itzig" nachrief, auf dem Schulweg und sogar über die Mauer des Osternburger jüdischen Friedhofs, der von den Anliegern als Ablagestelle für ihren Haushalts­kehricht benutzt wurde. In den Pausen in der Cäcilienschule ließ man uns an den gemeinsamen Spielen nicht teilnehmen. Am meisten litt mein jüngerer Bruder … Am ersten Schultag stand er traurig in einer Ecke des Hauses. Auf Mutters Frage, ob es schön in der Schule war, antwor­tete er: „Ich wünschte, ich wäre erst in Prima. Mein Lehrer mag mich nicht leiden. Den anderen Jungen hat er alle über den Kopf gestrichen, nur mir nicht." Von da ab litt er an der Schulkrankheit, erbrach jeden Morgen, kam nicht mit in der Klasse und, als meine Mutter zu diesem Lehrer ging, um ihn zu befragen, was man mit dem Kind machen könne, gab dieser Schurke die Antwort: „Schicken Sie ihn nach Wehnen!" Das war damals die Irrenanstalt bei Oldenburg. Wie das Kind gelitten haben muss, geht aus einer Äußerung hervor, die er nach dem Ersten Weltkrieg machte: „Lieber ein Jahr im Schützengraben vor Verdun als einen Schul­tag in Oldenburg."
Der das sagte, war Schüler der Oberrealschule gewesen. Er wanderte aus und wurde Farmer in Südafrika.
Als Oldenburg im Jahre 1345 zur Stadt erhoben wurde, da regelte die Stadtrechtsurkunde auch die Rechtsstellung der Juden, aber bald schon gab es keine Juden in Oldenburg mehr. 1349 nämlich raste der Schwarze Tod, die Pest, durch Deutschland, und man beschuldigte die Juden, sie durch Brunnenvergiftung herbeigeführt zu haben. Der Volkszorn tobte sich an ihnen aus. Zu Zehntausenden wurden sie erschlagen, verbrannt, bestenfalls vertrieben, und die Behörden beschlagnahmten ihr Vermö­gen. In Wildeshausen z. B. teilten Stadt und Kirche es untereinander auf. In Oldenburg mag es ähnlich gewesen sein. Wir wissen es nicht. Je­denfalls gab es fortan in Oldenburg keine Juden mehr. Erst im 18. Jahr­hundert, unter dänischer Herrschaft, durften sich einige Juden in Olden­burg niederlassen, mehr noch in den wenigen Jahren der französischen Herrschaft von 1810 bis 1814, als die Juden fast gleichberechtigt mit den Christen waren. Damals entstand eine jüdische Gemeinde, ihr erster Vorsteher war der Schlächter Heinemann Selig Wallheimer. Einer seiner Nachkommen, Bruno Wallheimer, hatte nach 1933 an der Heiligengeist­straße ein Damenmodengeschäft, das den Älteren vielleicht noch bekannt ist. Erstarb 1942 im Konzentrationslager Mauthausen bei Linz. Das Oldenburgische Staatsgrundgesetz von 1849 gab den Juden weitge­hende, die Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes seit 1867 völlige Gleichberechtigung, zumindest auf dem Papier. Tatsächlich blieben sie weiterhin aus dem öffentlichen Dienst und aus vielen anderen Berufen fast völlig ausgeschlossen und infolgedessen mehr oder minder auf ihre traditionellen Berufe im Waren- und Viehhandel beschränkt.
Die letzte Volkszählung der Weimarer Republik, die von 1925, stellte in der Stadt Oldenburg 320 Angehörige der israelitischen Konfession fest. Sie bildeten aber keine geschlossene Einheit. Sie zerfielen in drei Grup­pen, die ziemlich isoliert voneinander lebten, was sich u. a. darin aus­drückte, dass sie nicht untereinander heirateten.
Die wohlhabendste Gruppe war die der innenstädtischen Kaufleute, die fast alle aus Familien stammten, die bereits zu Beginn des 19. Jahrhun­derts in Nordwestdeutschland ansässig gewesen waren. Die Kinder aus diesen Familien besuchten zumeist die höheren Schulen, und manche von ihnen studierten, aber trotzdem gab es 1933 in Oldenburg nur zwei jüdische Akademiker, einen Rechtsanwalt und einen Arzt.
Die zweite Gruppe der Juden, mehr kleinbürgerlich, war die der Vieh­händler, von denen manche auch Schlachter waren. Sie wohnten vorwie­gend in den Außenbezirken. Sie waren seit Ende des 19. Jahrhunderts aus Ostfriesland, dem Emsland und mehr noch aus der niederländischen Provinz Groningen zugewandert. Manche von ihnen hatten sich 1914 einbürgern lassen, um sich freiwillig für das deutsche Heer melden zu können.
Die dritte Gruppe, die kleinste und ärmste, war die der Ostjuden. Sie waren vor 1914 aus den österreichischen Kronländern Galizien und Bu­kowina sowie aus dem russischen Polen zugewandert und betrieben zu­meist noch den alten jüdischen Beruf des Altwarenhandels.
Da Juden erst dann heirateten, wenn sie sich selbstständig machen konn­ten, war das Heiratsalter hoch und die Kinderzahl gering. Vereinzelt gab es Übertritte zum Judentum, dann nämlich, wenn Christinnen einen Ju­den heirateten und die Konfession ihres Mannes übernahmen. Viel häu­figer jedoch waren Austritte aus dem Judentum. Besonders galt das für Angehörige akademischer Berufe und auch für Juden, die untypische Be­rufe ergriffen hatten, die z. B. Angestellte waren. Anlass zum Austritt war manchmal die Heirat mit einer Christin. Die Juden wurden dann konfessionslos, die Kinder Christen. Übertritte vom Judentum zum Christentum gab es seit der Jahrhundertwende nicht mehr.
Die Weltwirtschaftskrise seit 1929 traf die jüdischen Geschäftsleute härter als die christlichen, denn infolge des verbreiteten Antisemitismus war ihr Kundenkreis ohnehin kleiner. Dem deutschen Patriotismus der Juden, auch der aus Polen stammenden, tat das keinen Abbruch. Sie wählten, soweit sich das aus Gesprächen schließen lässt, teils die linksbürgerliche deutsche Staatspartei, teils deutschnational.
Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, gab es in Oldenburg etwa 330 Personen, die durch die Nürnberger Gesetze von 1935 zu Voll­juden erklärt wurden. Etwa 50 von ihnen gehörten nicht der israeliti­schen Religionsgemeinschaft an.
Einige Oldenburger Juden emigrierten sofort, die meisten aber blieben, konnten sie sich doch nicht vorstellen, dass das Deutsche Reich sie völlig entrechten, enteignen, deportieren und schließlich ermorden würde. Schon 1936 aber gab es dafür in Oldenburg ein konkretes Beispiel: Franz Reyersbach, wohlhabender Kaufmann, 56 Jahre alt, ein Mann, der sich den Mund nicht verbieten ließ, wurde verhaftet und in das Konzentra­tionslager Oranienburg gebracht und dort so fürchterlich zusammenge­schlagen - wir wissen das von Augenzeugen -, dass er seinen Verletzungen erlag. Sein Leichnam wurde in verschlossenem Sarg der Witwe in Olden­burg zugestellt. Auf seine Karteikarte im Oldenburger Einwohnermel­deamt schrieb der Beamte zunächst: Verstorben im Konzentrationslager Oranienburg, dann aber strich er das Wort „Konzentrationslager" und ersetzte es durch „Krankenhaus". Seine Witwe Frau Grete Reyersbach überlebte ihren Mann um sechs Jahre. Sie wurde 1942 nach Riga depor­tiert und dort ermordet.
Als es den Juden endlich deutlich wurde, dass ihre Lage hoffnungslos war, wuchs die Bereitschaft zur Auswanderung, aber wohin? Infolge der Reichsfluchtsteuer und der Devisenbeschränkungen konnten sie nur bet­telarm die Grenze passieren. Es gab aber fast keinen Staat, der mittello­sen Ausländern die Einwanderung gestattete. Nur wer Verwandte im Ausland hatte, die bereit waren, für ihn zu bürgen, hatte es besser. Viele Oldenburger fanden deshalb erste Zuflucht bei Verwandten in Holland, Amerika, England und Südafrika. Aber dort stellte sich das Problem des Neuanfanges: ohne Geld, ohne genügende Sprachkenntnisse und oft oh­ne verwendbare berufliche Fähigkeiten.
Die Zurückbleibenden verarmten immer mehr. Die Kaufleute mussten ihre Geschäfte aufgeben, weil kaum jemand es mehr wagte, bei ihnen zu kaufen. Sie konnten sie aber zumeist verpachten oder ihre Häuser ver­mieten, so dass ihnen Einnahmen blieben.
Anfang 1938 gab es in Oldenburg, wenn man von zwei Altwarenläden absieht, keine jüdischen Geschäfte mehr. Anders war es in den Groß­städten, denn hier war die Anonymität größer, waren die Kontrollmög­lichkeiten der NSDAP geringer. Prinzipiell waren bis 1938 die Juden aus dem Geschäftsleben auch noch nicht ausgeschlossen worden. Doch das sollte nach dem Willen der Partei noch 1938 geschehen. Die Juden soll­ten zur Auswanderung gezwungen werden.
Ein mehr zufälliges Ereignis beschleunigte die Dinge. Am 15. Oktober 1938 veröffentlichte der polnische Staatsanzeiger eine Verordnung, wo­nach die Pässe der im Ausland lebenden polnischen Staatsangehörigen bis zum 30. desselben Monats bestätigt werden müssten. Diese Bestäti­gung konnte aber denjenigen verweigert werden, die seit langem im Aus­land lebten, und das galt für die rund 50.000 Juden polnischer Staatsan­gehörigkeit im Deutschen Reich. Ohne bestätigten Pass würden sie zu Staatenlosen werden und dann jeder Möglichkeit beraubt sein, irgendwo auszuwandern. Das widersprach aber den deutschen Plänen, die Juden zur Auswanderung zu nötigen. Unmittelbar vor Ablauf der von Polen gesetzten Frist verhaftete auf Anweisung des Reichssicherheitshauptam­tes die Geheime Staatspolizei alle in Deutschland lebenden polnischen Juden, auch in Oldenburg zwei oder drei Familien, und schob sie in Son­derzügen an die polnische Grenze ab. Polen aber ließ die Deportierten nicht herein, und so saßen sie buchstäblich auf der Grenze im Freien, hungernd und frierend. Aber auch ausländische Journalisten kamen und machten diesen Akt der Barbarei weltweit bekannt. Zu den Ausgewiese­nen gehörte eine Familie Grünspan aus Hannover. Ein Sohn der Familie, der 17jährige Hermann, lebte in Paris. Empört über die Behandlung sei­ner Eltern und um sie zu rächen, kaufte er sich eine Pistole und betrat am 7. November die Deutsche Botschaft in Paris. Dort schoss er auf den Le­gationssekretär vom Rath und verletzte ihn schwer. Wie sehr die deut­sche Presse diese Rachetat als Beispiel jüdischen Verbrechertums heraus­stellte, lässt sich denken. Schon am Abend des 8. November kam es an mehreren kleinen Orten im Anschluss an Parteiveranstaltungen zu Aus­schreitungen gegen jüdische Häuser und Synagogen, und mehrere von diesen wurden angezündet.
Am 9. November kamen, wie alljährlich, die alten Kämpfer der NSDAP in München zusammen, um des missglückten Hitler-Putsches von 1923 zu gedenken. Unter den Anwesenden waren Carl Röver, Gauleiter von Weser-Ems, dessen Stellvertreter Joel sowie der Oldenburger SA-Grup­penführer Böhmcker. An dem gemeinsamen Essen im alten Rathaus nahm auch Hitler teil. Dabei erreichte diesen die Nachricht, dass der in Paris schwer verwundete deutsche Diplomat vom Rath seinen Verletzun­gen erlegen sei. Daraufhin sprach Hitler lange und eindringlich mit dem Reichspropagandaminister Goebbels, und dann verließ er die Veranstal­tung. Gleich darauf sprach Goebbels zu der versammelten Parteifüh­rung. Er gab den Tod vom Raths bekannt, hetzte leidenschaftlich gegen die Juden, stellte die Ausschreitungen des Vorabends - Hausverwüstun­gen und Synagogenverbrennungen - so sehr als Vorbild hin, dass bald all die versammelten Partei-, SA-, SS- und NSKK-Führer wussten, was sie zu tun hatten, und gleich danach begann ein massenhaftes Telefonieren und Telegrafieren.
Böhmcker gab der SA-Gruppe Nordsee folgenden Befehl:
„Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uni­form zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuzie­hen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Die Verwaltungsführer der SA stellen sämtliche Wert-Gegenstände einschließlich Geld sicher. Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnungen arischer Deutscher zu schützen von der Feuerwehr. Jüdi­sche anliegende Wohnhäuser sind auch von der Feuerwehr zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden.
Die Polizei darf nicht eingreifen. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift.
Die Feststellung der jüdischen Geschäfte, Läger und Lagerhäuser hat im Einvernehmen mit den zuständigen Oberbürgermeistern und Bürger­meistern zu erfolgen, gleichfalls das ambulante Gewerbe. Sämtliche Ju­den sind zu entwaffnen, bei Widerstand sofort über den Haufen zu schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen mit etwa folgendem Text:
,Rache für den Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Ju­dentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.' Das kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei."
So weit der SA-Führer. Gauleiter Röver telefonierte mit der Oldenbur­ger Parteiführung, die sich zur Feier des 9. November im Restaurant Pape am Heiligengeistwall versammelt hatte, und gab entsprechende An­weisungen. Der Oldenburger Kreisleiter Engelbart gab sie an die ande­ren Kreisleiter im Gau Weser-Ems weiter. Um 1.20 Uhr erging ein Rundbrief des Chefs der deutschen Sicherheitspolizei und des SD Heydrich an alle Staatspolizeistellen; die Polizei habe mit der Partei zusam­menzuarbeiten, die Feuerwehr dürfe die Synagogen nicht löschen. Zugleich kam eine Anweisung des Gestapo-Chefs Müller an die Ge­heime Staatspolizei: 20.000 bis 30.000 jüdische Männer, möglichst wohl­habend und gesund, seien zu verhaften und in Konzentrationslager zu bringen.
Die im Restaurant Pape Versammelten telefonierten Benzin, Brennmate­rial und Einbruchswerkzeug herbei und bildeten dann drei Kommandos. Eines unter Leitung eines Partei-Ortsgruppenleiters brach in die Syn­agoge und die jüdische Schule ein und setzte diese in Brand. Ein zweites unter Leitung eines SA-Standartenführers fuhr nach Osternburg, drang in die auf dem jüdischen Friedhof gelegene Kapelle ein und zündete diese an, ein drittes demolierte zwei jüdische Geschäfte an der Kurwickstraße. Die Oldenburger Gestapo war noch eifriger als ihr Berliner Chef. Sie verhaftete alle Juden in Stadt und Land und konzentrierte sie in der Ol­denburger Polizeikaserne.
Nach einer Nacht voller Angst wurden am Morgen des 10. November die Frauen und Kinder wieder freigelassen, die Männer jedoch, von SA flankiert durch die Stadt geführt, an der noch rauchenden Synagoge vor­bei zum Gefängnis an der Gerichtsstraße. Hier wurden sie auf Haftfä­higkeit untersucht - einige Greise wurden wieder entlassen - und dann am 11. November in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Ora­nienburg transportiert.
Unter den Deportierten war auch Dr. Leo Trepp, damals 25 Jahre alt und seit zwei Jahren Oldenburger Landesrabbiner, soeben verheiratet mit Miriam de Haas, der Tochter seines Vorgängers, einer ehemaligen Schülerin der Cäcilienschule. Er erzählt:
„Am Abend waren wir in Sachsenhausen. Auf dem freien Felde wurden wir von dem Zug heruntergetrieben und dann zeitweilig zum Rennen ge­hetzt, dann wieder angehalten ... Im Lager mussten wir uns in Reih und Glied aufstellen und so für 24 Stunden stehen bleiben … Während der Nacht brach ein älterer Mann zusammen und lag zuckend auf der Erde. ,Holt einen Doktor von den Juden!' rief der SS-Mann. Ein gefangener Arzt trat aus der Gruppe: ,Der Mann hat einen schweren Herzanfall, muss sofort ins Krankenhaus.' ,Krankenhaus?' lachte der Sturmtruppler und gab dem zuckenden Körper einen heftigen Fußtritt, ,der ist tot, weg mit ihm!' Eine Karre kam und nahm den lebenden Toten weg. Am Mor­gen wurden wir befragt. ,Was bist du denn?' Als ich sagte: .Rabbiner', gab's Ohrfeigen rechts und links. Dann wurden wir nackt untersucht oder beschaut, um uns zu beschämen, mussten die Karte für die Registra­tur ausfüllen, die zwei Vermerke hatte: ,Entlassen am …'; .Gestorben am …'. Wir bekamen dann einen dünnen Pyjama, die Haare wurden abgeschnitten, und wir kamen in die Baracken. Es ist nicht nötig, von der Arbeit, dem Schleppen von Sandsäcken zu erzählen …
Um 4 Uhr jeden Morgen standen wir auf dem Paradeplatz, in Reih und Glied, die Scheinwerter ließen ihre Strahlen über die Menge kreisen, die Maschinengewehre auf den Wachttürmen waren auf uns gerichtet. So standen wir, wurden gezählt, dass keiner fehle. Dann an einem Morgen sprach der Kommandant: ,Ihr habt keinerlei Rechte, denn ihr seid Ver­brecher. Meine SS hat das Recht, jeden ohne weiteres zu erschießen, merkt euch das.'"
In Oldenburg wurde schon am 10. November ein Bauunternehmer be­auftragt, die Ruinen an der Peterstraße abzutragen. Nur ein Stein mit der hebräischen Inschrift „Haus Gottes" wurde beiseite gebracht. Als 1963 der Synagogengedenkstein geschaffen werden sollte, da tauchte er wie­der auf. Ein Oldenburger hatte ihn in seinem Garten verborgen gehalten. Später ist er in eine Wand des Stadtmuseums eingelassen worden.
Und was brachte die Zeitung? Das Parteiorgan, die „Oldenburgische Staatszeitung", meldete am 11. November:
„Die Volkswut machte sich Luft  
Tiefe Empörung in Oldenburg. Die Synagoge in Flammen aufge­gangen.
… Die Haltung des deutschen Volkes war bisher gegenüber allen jüdischen Provokationen beherrscht. Jetzt aber machte sich die aufgepeitschte Wut und der Ingrimm über die feige Mordtat an vom Rath Luft.
In den Morgenstunden des Donnerstag ging die Synagoge in der Peterstraße in Flammen auf. Die Feuerwehr eilte herbei und sorgte dafür, dass jede Gefährdung der Nachbarhäuser vermieden wurde.
Im übrigen bildeten sich im Lauf der Nacht Gruppen, die bei zwei jüdischen Geschäften in der Kurwickstraße die Ladenfenster zer­trümmerten. Vor den Läden versahen SA-Posten die Sicherheits­wache. Dabei ist überflüssig, zu erwähnen, dass nicht der geringste Plünderungsversuch vorkam, dass auch die Besitzer keinerlei Scha­den an ihrem Leibe nahmen.
Der Möglichkeit, dass die Volkswut sich auch der Juden persönlich bemächtigte, wurde vorgebeugt. Noch in der gleichen Nacht wur­den die Juden aus ihren Wohnungen geholt und in Schutzhaft genommen. Die Verhafteten wurden einem Sammellager zugeführt, das in aller Eile in einem Raum am Pferdemarktplatz eingerichtet wurde. In der Sammelstelle erfolgte die namentliche Feststellung der Festgenommenen. Später erfolgte die Überführung ins Ge­richt." Soweit die Zeitung.
Auch in Wilhelmshaven wurde die Synagoge angezündet, und zwar durch einen SA-Führer, einen NSKK-Führer und den Kreisleiter der Partei. Die Juden wurden zugleich in einer Turnhalle zusammengetrie­ben. Ebenfalls in Delmenhorst und Cloppenburg zündeten SA-Männer die Synagogen an. In Cloppenburg führte am nächsten Tag ein Lehrer seine Schüler auf den benachbarten jüdischen Friedhof und ließ die Grabsteine umstürzen. In Vechta konnte die Synagoge nicht verbrannt werden, weil sie in einer Häuserzeile lag. Dafür wurde sie ausgeräumt und ihr Inventar auf dem Marktplatz verbrannt.
Nach dem 10. November wurden die Juden in Deutschland gänzlich rechtlos. Zur Sühne für die Ermordung vom Raths mussten sie eine Ver­mögensabgabe von zunächst 1 Milliarde Mark zahlen. Ihre Bankkonten wurden bis auf einen geringen monatlichen Betrag gesperrt, ihre Ge­schäfte wurden, wie es damals hieß, „arisiert", d. h. ihnen weggenom­men. Fast alle Juden mussten ihre Wohnungen verlassen. Sie wurden in sog. Judenhäusern zusammengepfercht, in Oldenburg an der Ufer-, Achtern- und Kurwickstraße. Die letzten jüdischen Schüler mussten die höheren Schulen verlassen. Die Volksschüler hatten schon vorher ihre eigene Schule an der Peterstraße gehabt. Nachdem diese verbrannt war, wurde der Unterricht im Judenhaus Kurwickstraße 5 noch für eine Weile fortgesetzt. In diesem Hause gab es auch einen kleinen Betraum.
Die in Sachsenhausen Inhaftierten konnten freigelassen werden, wenn sie sofort auswanderten. Das gelang den meisten. Der Landesrabbiner Trepp ging mit seiner Frau zuerst nach England, dann nach Amerika, wo er heute noch lebt. Andere emigrierten dorthin, wo sie noch zugelassen wurden, und das waren für die, die keine Verwandten und Helfer hatten, nur wenige arme Länder wie Nicaragua, Paraguay, Uruguay und Boli­vien, dazu die Stadt Shanghai. Mancher Auswanderungsversuch scheiterte. Im Mai 1939 lief der deutsche Dampfer „St. Louis" voller jüdi­scher Flüchtlinge Kuba an. Doch die Regierung zog die vorher gegebene Landeerlaubnis zurück. Die Flüchtlinge mussten zurück, unter ihnen die Oldenburger Familie Goldschmidt, die ein Modehaus Ecke Schütting- und Achternstraße besessen hatte. Eltern und zwei Kinder starben später in Vernichtungslagern des Ostens. In vielen Fällen retteten Hilfsorgani­sationen jüdische Kinder nach England, auch aus Oldenburg. Als aber der Synagogendiener Heß und seine Frau ihre beiden Kinder mit einer Transportgruppe reisen lassen sollten, wie es vereinbart worden war, konnten sie sich im letzten Augenblick doch nicht von ihnen trennen. Eltern und Kinder blieben in Deutschland und wurden später im Osten ermordet. Einen in der Transportgruppe durch den Rücktritt der Kinder Heß freigewordenen Plätze nahm völlig improvisiert ein Schüler der Hindenburgschule ein. Er wurde so gerettet und lebt heute wieder in Ol­denburg.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Oldenburg von der NSDAP „judenrein" gemacht, das bedeutete, dass die wenigen noch vorhandenen Juden in sog. Altersheime nach Bremen oder Hamburg ausgewiesen wurden. Von dort wurden sie dann seit 1941 in den Osten deportiert. Die Todesorte der Oldenburger Juden sind die Konzentrationslager Sachsenhausen und Mauthausen, das sog. Aufenthaltslager Theresienstadt, die Gettos von Lodsch und Warschau, vor allem aber die Vernich­tungslager Auschwitz und Sobibor in Polen, Minsk und Maly Trostinec in Weißrussland sowie Riga in Lettland. Von den rund 330 Juden, die es 1933 in Oldenburg gab, sind mindestens 104 in den genannten Lagern und Gettos ums Leben gekommen.
Nur wenige Oldenburger Juden haben den Krieg in Deutschland über­lebt, zumeist weil sie als Ehepartner eines Ariers gar nicht oder erst spät, d. h. 1944, deportiert wurden. Mehrere Oldenburgerinnen sind 1945 durch die Rote Armee in Theresienstadt befreit worden.
Nach Gründung der Bundesrepublik wurde 1949 den Brandstiftern von Oldenburg und Wilhelmshaven der Prozess gemacht. Sie wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt.
Nach 1945 fand sich in Oldenburg wieder eine kleine jüdische Gemeinde zusammen. Adolf de Beer, Inhaber einer heute noch bestehenden Wä­scherei, übernahm ihre Leitung, nach dessen Tod (1955) Frau Frieda Meiners, die aus Theresienstadt zurückgekehrt war. Durch Tod und Fortzug schrumpfte die Gemeinde, so dass sie sich auflösen musste. Heu­te leben in der Stadt Oldenburg nur noch vier Juden, zwei von ihnen ge­hören Familien an, die schon vor dem Kriege hier lebten.
Die emigrierten Oldenburger Juden sind fast alle nach langen Entbeh­rungen und harter Arbeit wieder zu einer einträglichen Existenz gekom­men. Vielen hat die seit 1952 einsetzende deutsche Wiedergutmachung geholfen. Manche haben bedeutende Unternehmen aufgebaut, andere sind in der Wissenschaft zu Rang und Namen gekommen. Der Brock­haus nennt Manfred Bukofzer, Abiturient des Realgymnasiums, als be­deutenden Musikhistoriker an der Universität Berkeley in Kalifornien. Ein anderer Abiturient des Realgymnasiums ist Dagobert de Levie, Pro­fessor an der Staatsuniversität von Pennsylvanien, Ehrensenator der Universität Köln.
Dass viele von den ehemals Oldenburger Juden, die heute verstreut in Westeuropa, Nord- und Südamerika, Südafrika, Israel und Australien leben, von dem Land, in dem ihre Eltern und Geschwister ermordet worden sind, nichts mehr wissen wollen, ist verständlich. Andere aber hängen trotz allem noch an der alten Heimat, schreiben Briefe, kommen zu Besuch und freuen sich, wenn sie besucht werden. In Israel hat Carl Gustav Friederichsen, Geschäftsführer der Gesellschaft für christlich­jüdische Zusammenarbeit, schon dreimal Treffen ehemaliger Oldenbur­ger veranstalten können.
Die Briefe der Emigrierten kreisen immer wieder um das eine Thema: Wie konnte das geschehen? Und eine Jüdin fügte einmal hinzu: „Wie stolz waren wir einst, zu singen ´Deutschland, Deutschland über alles', und wie haben wir unsere schöne Heimat geliebt!" Wie konnte das geschehen, am 9. November 1938 und danach im Osten?
Es konnte geschehen, weil die Juden seit langem verteufelt worden wa­ren, weil viele Deutsche glaubten, die Juden seien böse, gefährliche, schädliche, verächtliche Menschen, und weil die meisten Menschen im In- und Ausland sich gleichgültig gegenüber dem verhielten, was mit den Juden geschah.
Verteufelung irgendwelcher Menschengruppen, Gleichgültigkeit gegen­über ihrem Schicksal sind die Voraussetzung für Pogrom und Massen­mord.
Wir brauchen in diesen Wochen nur nach dem Libanon zu blicken und sehen dort fast alles, wenn wir es sehen wollen, was in der Kristallnacht bei uns geschah: demolierte Wohnungen, zerstörte Werkstätten, geplün­derte Läden, brennende Kirchen und ermordete Christen, nur mit dem Unterschied, dass die Christen sich ihrer Haut wehren, aber wie lange können sie es noch?
Und was tun die Christen des Westens? Zumeist gar nichts. Der verstor­bene Papst Johannes Paul I. wollte seine erste Auslandsreise in den Libanon machen. Vielleicht wäre das ein Zeichen zu einer Wende gewe­sen.
Die Verbrechen von 1938 sollten uns eine Mahnung sein, niemals wieder einer Partei zur Macht zu verhelfen, deren Ideologie den Rassen-, Klas­sen-, Fremden-, Religions- oder Völkerhass propagiert und damit die Menschenverachtung.
Auf dem Synagogengedenkstein, der 1963 von Spenden Oldenburger Bürger und Kollekten der Kirchen geschaffen worden ist, steht ein Bi­belspruch, den der letzte Oldenburger Rabbiner, der Hass und Verach­tung an seinem Leibe verspürt hat, dessen Mutter in Auschwitz vergast worden ist, uns vorgeschlagen hat. Es ist ein Wort aus dem Propheten Maleachi:
Haben wir nicht alle einen Vater?
Hat uns nicht ein Gott erschaffen?
Warum denn verachten wir einander?

Herausgegeben von der Stadt Oldenburg, Kulturdezernat
Universität ä
Oldenburg
Meyer, Enno:
Die Reichskristallnacht in Oldenburg   Enno Meyer.
Die Verantwortung einer Stadt für alle ihre Bürger 1938 / 1978  
Oldenburg : Holzberg, 1979.

Den vollständigen Text der Erinnerungen finden Sie als PDF-Datei (6,1 MB) hier.

Den vollständigen Text finden Sie ühier als gepackte Word-Datei.

 


 

 

Verantwortlich: Rosenfeld / e-a-d | Stand: 06.07.2008



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