Gymnasium Eversten Oldenburg
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Erinnerungsgang Enno Meyer
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Erinnerungsgang 2007

Enno Meyer
Fünfundzwanzig Ereignisse deutscher Geschichte
1900 bis 1955

Aus NS-Deutschland

 Einleitung
Die Weimarer Republik konnte sich nur in ihren ersten Jahren auf eine breite Mehrheit ihrer Wähler stützen, dann bröckelte diese ab, ganz besonders nach Beginn der Weltwirtschaftskrise (1929). Die republikanischen Parteien konnten sich angesichts der durch die Krise hervorgerufenen Probleme seit 1930 nicht mehr zu gemeinsamem Handeln, zur Bildung einer Regierung einigen. Seit März 1930 musste Deutschland daher autoritär, durch Notverordnungen regiert werden. Die Wahlstimmen für die NSDAP und die KPD nahmen sprunghaft zu. Die „Nationale Opposition“, einig in ihrer Ablehnung jeder „Erfüllungspolitik“ (des Versailler Vertrages) und der parlamentarischen Regierungsform, blieb zwar nur ein loser Zusammenschluss, ihre Hauptträger aber, DNVP und NSDAP bewirkten gemeinsam, dass Hitler 1932 deutscher Staatsbürger und 1933 Reichskanzler wurde.
Mit aller Schärfe und ohne sich um irgendein Recht zu bekümmern, bekämpfte Hitler seit 1933 alle, die er als Gegner seiner Macht ansah, u. a. durch Einlieferung in die neuen Konzentrationslager. Das traf „Linke“ aller Art und noch mehr die Juden. Auch die katholische Kirche wurde von der NSDAP bekämpft, doch nicht mit gleicher Stärke. Hitlers Machtstreben führte zum Zweiten Weltkrieg. In ihm steigerte sich der Terror in schrecklichster Weise. Millionen von Juden wurden ermordet. Weltbekannt wurde zuerst das Massensterben im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Mit der bedingungslosen Kapitulation endete im Mai 1945 das Großdeutsche Reich.


Terror gegen deutsche Juden:
Die Reichskristallnacht (Oldenburg 1938)
In fast allen Städten Deutschlands wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Synagogen zerstört, Wohnungen und Geschäfte der Juden verwüstet und die jüdischen Männer verhaftet. Als Beispiel für das, was sich überall zugetragen hat, möge hier Oldenburg stehen. Oldenburg hat keine jüdische Gemeinde mehr, und nur weniges erinnert noch daran, dass eine solche bis 1938 hier bestanden hat: ein Friedhof, abgelegen im Stadtteil Osternburg, und, nahe der Stadtmitte an der Peterstraße, ein Gedenkstein. Er trägt auf hebräisch und auf deutsch folgende Inschrift:
„Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum denn verachten wir einander?“ Und darunter, nur auf deutsch: „Hier stand bis 1938 das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde.“
Der Spruch stammt aus dem Alten Testament (Maleachi 2, 10). Vorgeschlagen hat ihn der letzte Landesrabbiner von Oldenburg, Dr. Leo Trepp. Der Stein wurde 1967 von der örtlichen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit errichtet. Oldenburger Bürger stifteten das dafür nötige Geld.
Bei der Volkszählung von 1927, der letzten vor der nationalsozialistischen Zeit, gab es in Oldenburg 320 Angehörige der jüdischen Konfession, das waren 0,6 % der Bevölkerung, während im Reichsdurchschnitt der Anteil der Juden 0,9 % betrug.
Dr. Leo Trepp wurde 1936 Landesrabbiner für das Oldenburger Land, d. h. für insgesamt 10 Gemeinden. Er war damals 23 Jahre alt und hatte den Mut, an die Spitze einer Gemeinschaft zu treten, deren Mitglieder immer mehr entrechtet wurden, verängstigt waren, verarmten. Viele dachten an Auswanderung, und bald gehörte auch der Rabbiner selbst zu ihnen. Er schreibt darüber:
„Zur damaligen Zeit hatten sowohl meine Frau wie ich noch je einen Pass aus früherer Zeit, der ohne das ,J’ war, welches den Pässen der Juden aufgestempelt war und sie nur zur Auswanderung berechtigte. Wir hatten im Frühjahr 1938 geheiratet. Zuvor hatte meine Frau als Kindergärtnerin in einem jüdischen Kinderheim in der Schweiz gearbeitet und wusste, dass der Chief Rabbi von England, Dr. Hermann Hertz, jedes Jahr nach St. Moritz auf Ferien kam. Wir beschlossen, die Fahrt zu wagen, kauften eine siebentägige Ferienkarte für die Schweiz, die uns erlaubte, die Nächte in den Zügen zu verbringen, denn Geld durfte man nicht mitnehmen. Mit einem Rucksack voll Brötchen fuhren wir in die Schweiz in der Hoffnung, den Chief Rabbi zu treffen. Hätte er geraten, nicht nach Deutschland zurückzukehren, so wären wir ohne Mittel und ohne eine zweite Garnitur von Kleidern geblieben. Wir hatten nur, zur Vorsicht, eine Kamera mitgenommen, die wir eventuell zur Beschaffung des Nötigsten verkaufen wollten. Wir trafen den Chief Rabbi. ,Sie sind der Kapitän des Schiffes’, sagte er, ,und müssen der letzte sein, der das Schiff verlässt.’ Sein Rat beantwortete jede Zweifelsfrage; nach einer Woche waren wir wieder in Oldenburg.“
Im Oktober 1938 wurden die Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus Deutschland ausgewiesen. Trepp schrieb darüber:
„Auch in Oldenburg gab es polnische Juden, die von dem Verfahren erfasst wurden. Man konnte ihnen ein paar Decken und Lebensmittel an den Bahnhof bringen, mehr war nicht möglich. Nachdem aber die Polen die in Deutschland geborenen Kinder der Juden nicht als Polen anerkannten, blieben die Kinder zurück. Die Familien wurden auseinandergerissen. Wir konnten den Eltern nur versprechen, ihre Kinder gut zu betreuen, und sagten ihnen außerdem, dass sie jederzeit auf unsere Kosten anrufen könnten und sollten, um noch mit ihrer Familie ein bisschen in Verbindung zu sein. Von da an war das Telefon im Rabbinat Tag und Nacht bemannt. Ein Gespräch aus Polen konnte am frühen Morgen angemeldet und erst in später Nacht verbunden werden ... In Oldenburg fing der 9. November mit der Anmeldung eines Gespräches aus Polen an ... In der späten Abendstunde klingelte das Telefon, doch war am anderen Ende keine Antwort, nur schweres Atmen. Eine Anfrage beim Telefonamt, ob eine Gesprächsverbindung gesucht werde, ergab, dass kein Gespräch da sei. Kurz darauf klingelte es wieder. Dieses Mal war der Rechtsanwalt Löwenstein am Apparat: ,Die Synagoge ist in Flammen’. In der Annahme, dass es ein Unglücksfall sei, sagte ich: ,Ich gehe sofort hin, um wenigstens die Torahrollen zu retten.’ ,Sie dürfen nicht gehen’, sagte er, ‚sonst beschuldigt man Sie, den Brand gelegt zu haben.’ Nun glaubten wir sicher, dass der vorige Anruf vom Lehrer Freund kam, der in der Amtswohnung im Gemeindehaus (neben der Synagoge) wohnte, das auch in Flammen stand. Wir nahmen an, dass er eben vor Aufregung nicht reden konnte... Nach kurzer Zeit schellte die Hausglocke. ‚Dies ist Herr Freund.’ Meine Frau im Morgenrock lief schnell an die Tür, um ihn hereinzulassen. An der Tür standen die SS-Männer und sagten: ‚Sie brauchen sich gar nicht anzuziehen, es ist alles vorüber!’ Sie gaben uns ein paar Minuten zum Anziehen und nutzten diese Zeit, nach Möglichkeit zu stehlen, einschließlich eines Betrages von über 1 000,— RM, den ich in bar aufbewahrte, da man nicht wusste, ob die Bank noch an Juden Zahlungen machen würde. Dann mussten wir alle zur Kaserne auf dem Pferdemarkt laufen, die SS-Männer fuhren langsam im Auto mit gezogenen Revolvern nach. Besondere Treue zeigte die katholische Hausgehilfin, Selma Jung ... die ... nun unbedingt mit ihrer Familie in Haft genommen werden wollte.
In der Kaserne fanden wir nun die ganze Gemeinde, die Alten und Jungen, und die Kinder auf den Armen ihrer Mütter. Während der Nacht wurden die Juden von den Landgemeinden eingeliefert. Wir wussten nun, dass es eine organisierte Aktion war. Am frühen Morgen wurden die Frauen und Kinder entlassen; es wurde ihnen versprochen, sie könnten die Männer während des Tages sprechen — ein Versprechen, das nicht eingehalten wurde. Von der SA flankiert, wurden wir nun durch die Stadt geführt, an der ausgebrannten Synagoge vorbei ins Gefängnis. Dort wurden wir alle ‚untersucht’ und bis auf ein paar ganz alte Männer für gesund erklärt. Das Trauma plötzlicher Einzelhaft bleibt der Seele eingebrannt. Allerdings füllten sich dann die Zellen, da es deren nicht genug gab. Am nächsten Morgen, in aller Frühe, wurden wir dann zum Zug gebracht, und am Abend waren wir in Sachsenhausen. Auf dem freien Felde wurden wir vom Zug heruntergetrieben und dann zeitweilig zum Rennen gehetzt, dann wieder angehalten. Wir hakten uns ein. Das war mein Glück, denn ich fiel über einen Markstein und wäre liegen geblieben, hätte mein Nebenmann, der Lehrer Katzenberg, mich nicht hochgerissen. Im Lager mussten wir uns in Reih und Glied aufstellen und so für 24 Stunden stehen bleiben. Mein beim Fall verrenkter Knöchel schwoll an — noch heute fühle ich von Zeit zu Zeit die Folgen dieses Falles im linken Knöchel. Während der Nacht brach ein älterer Mann zusammen und lag zuckend auf der Erde. ‚Holt einen Doktor von den Juden’, rief der SS-Mann. Ein gefangener Arzt trat aus der Gruppe: ,Der Mann hat einen schweren Herzanfall, muss sofort ins Krankenhaus.’ ‚Krankenhaus?’ lachte der Sturmtruppler und gab dem zuckenden Körper einen heftigen Fußtritt, ,der ist tot — weg mit ihm!’ Eine Karre kam und nahm den lebenden Toten weg. Am Morgen wurden wir befragt. ,Was bist du denn?’ Als ich sagte ‚Rabbiner’, gab’s Ohrfeigen rechts und links. Dann wurden wir nackt untersucht oder beschaut, um uns zu beschämen, mussten die Karte für die Registratur ausfüllen, die zwei Vermerke hatte: ‚Entlassen am ...; Gestorben am ...’. Wir bekamen dann unsere Kleidung, einen dünnen Pyjama, die Haare wurden abgeschnitten, und wir kamen in die Baracken. Es ist nicht nötig, von der Arbeit, dem Schleppen von Sandsäcken, zu erzählen ...
Um 4 Uhr jeden Morgen standen wir auf dem Paradeplatz, in Reih und Glied, die Scheinwerfer ließen ihre Strahlen über die Menge kreisen, die Maschinengewehre auf den Wachttürmen waren auf uns gerichtet. So standen wir, wurden gezählt, dass keiner fehle. Dann, an einem Morgen, sprach der Kommandant: ‚Ihr habt keinerlei Rechte, denn ihr seid Verbrecher. Meine SS hat das Recht, jeden ohne weiteres zu erschießen, merkt euch das.’ In dieser Stunde glaubte ich, das Ende sei gekommen - und in diesem Augenblick fühlte ich ganz einzigartig die Gegenwart Gottes. Wäre der Tod in diesem Augenblick gekommen, ich hätte ihn in Seelenfrieden angenommen. Und dies ist mir Trost und mag anderen Trost sein, die ihre Lieben im Vernichtungslager verloren haben. Man starb in Stärke, im Gottvertrauen; ich weiß, dass meine Mutter so gestorben ist...
Inzwischen hatte meine Frau dem Chief Rabbi telegrafiert: ,Das Schiff ist gesunken.’ Er sandte das Visum zur Einwanderung in England. Nach 18 Tagen wurde ich entlassen. Zum Abschied wurden wir ermahnt: ,Es ist euch hier gut ergangen, eure Behandlung in der Schutzhaft war sehr menschlich.
Wagt niemals, etwas anderes zu sagen, sonst kommt ihr zurück. Selbst wenn ihr aus Deutschland weg seid, sagt nie eine Lüge über schlechte Behandlung. Der Führer erreicht euch, ob ihr in England oder Amerika seid. Habt ihr irgendeine Klage? Jetzt habt ihr die Möglichkeit, sie vorzubringen.’ Keiner hatte eine Klage, und wir unterzeichneten eine Erklärung, dass wir sehr gut behandelt worden seien.
Auf der Fahrt nach Berlin befahl ein Mann im Zug, dass wir vom Sitz aufständen. Sitze seien für Deutsche. Auf der Fahrt nach Oldenburg fanden Herr Hirschberg und ich, die wir gleichzeitig entlassen wurden, ein leeres Abteil. Dennoch behielten wir unsere Hüte auf dem Kopf: Wir hatten zwar unsere Kleider wieder, aber unsere kahlen Köpfe hätten uns verraten. Innerhalb von 14 Tagen hatte ich Deutschland verlassen. An der Grenze wurden meine Frau und ich nochmals bis aufs kleinste untersucht. Die Hoffnung der Grenzleute, dass der Zug ohne uns abfahren würde, wurde vereitelt. Holländer halfen uns, unsere paar Sachen, die überall in der Halle herumlagen, in den Zug zu werfen.
Ein schweres Ende führte uns zu einem wenn auch schweren Anfang. Andere waren nicht so glücklich, für sie gab es nur das Ende.“
Das Ehepaar Trepp emigrierte nach den Vereinigten Staaten und lebt dort noch heute.
Rund 40 % der Juden aber, die in Oldenburg ansässig gewesen waren, starben in einem der nationalsozialistischen Vernichtungslager, die meisten von ihnen in Auschwitz.
Über das, was sich in der Nacht vom 9. zum 10. November zugetragen hatte, schrieb das örtliche Parteiorgan, die „Oldenburgische Staatszeitung“, am 11. November:
„Die Volkswut machte sich Luft“
Tiefe Empörung in Oldenburg. Die Synagoge in Flammen aufgegangen ... Die Haltung des deutschen Volkes war bisher gegenüber allen jüdischen Provokationen beherrscht. Jetzt aber machte sich die aufgepeitschte Wut und der Ingrimm über die feige Mordtat an vom Rath Luft. In den Morgenstunden des Donnerstags ging die Synagoge in der Peterstraße in Flammen auf. Die Feuerwehr eilte herbei und sorgte dafür, dass jede Gefährdung der Nachbarhäuser vermieden wurde. Im übrigen bildeten sich im Laufe der Nacht Gruppen, die bei zwei jüdischen Geschäften in der Kurwickstraße die Ladenfenster zertrümmerten. Vor den Läden versahen SA-Posten die Sicherheitswache. Dabei ist es überflüssig zu erwähnen, dass nicht der geringste Plünderungsversuch vorkam, dass auch die Besitzer keinerlei Schaden an ihrem Leibe nahmen.
Der Möglichkeit, dass die Volkswut sich auch der Juden persönlich bemächtigte, wurde vorgebeugt. Noch in der gleichen Nacht wurden die Juden aus ihren Wohnungen geholt und in Schutzhaft genommen. Die Verhafteten wurden einem Sammellager zugeführt, das in aller Eile in einem Raum am Pferdemarktplatz eingerichtet wurde. In der Sammelstelle erfolgte die namentliche Feststellung der Festgenommenen. Später erfolgte die Oberführung ins Gericht.“
Wenige Tage später kamen die Verordnungen, welche die Juden wirtschaftlich vernichten sollten: Sie mussten als „Sühneleistung“ eine Vermögensabgabe von einer Milliarde Mark bezahlen, vor allem aber wurden sie aus dem Wirtschaftsleben „ausgeschaltet“: ihre Geschäfte wurden „arisiert“.
Erst die Prozesse, die nach Ende des Krieges in Nürnberg gegen die führenden Nationalsozialisten und in Oldenburg 1949 gegen die Synagogenbrandstifter von 1938 geführt wurden, ließen erkennen, wie es zu dem Pogrom gekommen war, den man schon bald verniedlichend die „Reichskristallnacht“ nannte, als ob nur Kristall zerschlagen worden wäre. Bis 1938 waren die Juden weitgehend entrechtet und aus vielen Berufen ausgeschlossen worden, aber noch nicht aus dem Bereich der Wirtschaft, vielleicht deshalb, weil der Reichswirtschaftsminister Walther Funk es noch nicht für ratsam hielt. Seit Oktober 1938 aber steigerte sich die vom Reichspropagandaminister Goebbels gelenkte Hetze immer mehr, und „Arier“, die Kontakte zum Wirtschaftsministerium hatten, warnten jüdische Freunde: im November seien „schreckliche Dinge“ zu erwarten, sofortige Auswanderung sei dringend geraten.
Da kam am 7. November die Nachricht von dem Attentat des jungen Juden Herschel Grynszpan gegen den deutschen Diplomaten vom Rath in Paris. Die antisemitische Hasskampagne der nationalsozialistischen Presse trug sofort Früchte: Am Abend des 8. November kam es an mehreren kleineren Orten der Gaue Kurhessen und Magdeburg-Anhalt zu Ausschreitungen gegen die Juden, überall nach gleichem Schema, doch anscheinend ohne eine Weisung von der oberen Führung der Partei. Dies war der Verlauf: Erst hetzte der Ortsgruppenleiter auf einer Versammlung gegen die Juden, und dann zogen die Teilnehmer aus, zündeten die Synagoge an und demolierten jüdische Geschäfte und Wohnungen. Am nächsten Tage, dem 9. November, fand in München die alljährliche Feier zum Gedenken an Hitlers missglückten „Marsch zur Feldherrenhalle“ von 1923 statt. Dazu versammelte sich fast die ganze Führung der NSDAP. Aus dem Gau Weser-Ems waren der Gauleiter Carl Rover, dessen Stellvertreter Joel und der Führer der SA-Gruppe Nordsee, Böhmcker, gekommen. Am Abend versammelte sich die Partei-Prominenz zu einem „Kameradschaftsabend“, d. h. zu einem gemeinsamen Essen im Alten Rathaus.
Der Historiker Hermann Graml, der alle Nachrichten über die der „Kristallnacht“ vorangehenden Stunden gesammelt hat, stellt den Verlauf des Kameradschaftsabends so dar:
„Auch Hitler selbst war anwesend. Kurz nach dem Essen, etwa um 21 Uhr, erschien ein Bote und teilte ihm flüsternd mit, der Gesandtschaftsrat vom Rath sei seinen Verletzungen erlegen. Hitler sprach darauf eine Weile sehr eindringlich mit dem neben ihm sitzenden Goebbels, jedoch so leise, dass auch die unmittelbaren Nachbarn den Inhalt des Gespräches nicht verstehen konnten. Anschließende fuhr er sofort nach Hause... Kurze Zeit nach seinem Aufbruch, etwa um 22 Uhr, erhob sich Goebbels, gab den Tod vom Raths bekannt und hielt eine wüste antisemitische Rede, in der er auch erwähnte, es sei in Kurhessen und Magdeburg-Anhalt bereits zu spontanen Vergeltungsaktionen des Volkes gekommen, und überall seien weitere zu erwarten. Die Partei habe zwar solche Aktionen nicht zu organisieren, aber dort, wo sie entstünden, auch nicht zu hindern. Goebbels schilderte dabei die Vorgänge so wohlwollend, formulierte die ihretwegen notwendigen Anweisungen an die Partei so geschickt, hetzte so bösartig gegen die Juden und sprach so leidenschaftlich von Vergeltung, dass keiner der anwesenden Führer der Partei und SA einen Zweifel haben konnte, was von ihnen erwartet wurde. Den Satz, die Partei solle die Demonstrationen nicht organisieren, konnten sie nur so verstehen, dass die Partei als Organisator nicht in Erscheinung treten dürfe...
Das Präludium des 8. November erfüllte jetzt in der Rede Goebbels’ seinen eigentlichen Sinn und Zweck: erst der Hinweis auf die bereits erfolgten Ausschreitungen gab im Zusammenhang der Hetzrede den Weg zum Handeln frei. Nachdem sich vorher Propaganda in Aktion umgesetzt hatte, wurde jetzt die Aktion wieder propagandistisch ausgewertet, um zu neuer Aktion anzureizen. Goebbels dürfte seine Rede kaum erst an Ort und Stelle konzipiert haben ... Keinesfalls ist Hitler von Goebbels hintergangen oder überrumpelt worden. Seine Mitwirkung steht außer allem Zweifel, und wenn er über den Plan im einzelnen vorher nicht unterrichtet gewesen sein sollte, so wurde er spätestens auf dem Kameradschaftsabend zum Mitwisser, also noch vor der Goebbelsrede. Sein eifriges Zwiegespräch, das er mit Goebbels auf die Nachricht von Raths Tod hin führte, dürfte keinen andern Gegenstand gehabt haben als eben die geplante Aktion. Denn nachdem er den Alten Rathaussaal verlassen hatte, gab er, ohne vorher noch einmal mit Goebbels zusammengetroffen zu sein, gegen 12 Uhr nachts Himmler Instruktionen, die auf genauer Kenntnis der Vorgänge beruhten ... Nach der Goebbelsrede löste sich der Kameradschaftsabend auf; die anwesenden hohen Führer gaben telefonisch an die nachgeordneten Dienststellen ihrer Organisationen Weisungen im Sinne der eben gehörten Rede und in individuell verschieden bindender und eindeutiger Form.“
Der Befehl, den Böhmcker an seine SA-Gruppe Nordsee gab, hatte folgenden Wortlaut:
„Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Die Verwaltungsführer der SA stellen sämtliche Wertgegenstände einschließlich Geld sicher. Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen von der Feuerwehr. Jüdische anliegende Wohnhäuser sind auch von der Feuerwehr zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. Die Polizei darf nicht eingreifen. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift.
Die Feststellung der jüdischen Geschäfte, Lager und Lagerhäuser hat im Einvernehmen mit den zuständigen Oberbürgermeistern und Bürgermeistern zu erfolgen, gleichfalls das ambulante Gewerbe. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen zu schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen mit etwa folgendem Text:
‚Rache für den Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.’ Dies kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei.“
Dem Gauleiter Rover ging dieser Befehl anscheinend zu weit, jedenfalls geriet er deshalb mit Böhmcker aneinander, aber auch er telefonierte, und zwar mit dem Oldenburger Kreisleiter Willy Engelbart, der sich nach einer örtlichen Parteifeier im Kreise von Parteigenossen im Restaurant Pape am Heiligengeistwall nahe der Synagoge aufhielt. Er wies Engelbart an, weitere Kreisleiter des Gaues anzurufen. Joel mahnte dabei, Ausschreitungen dürfe es nicht geben. Das Ergebnis war: SA- und Parteiführer zündeten gemeinsam die Synagoge und die jüdische Friedhofskapelle an. Erst um 1h 20 sandte Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, einen Rundbrief an alle Staatspolizeistellen und damit auch an die ihnen unterstehende Feuerwehr: Die Polizei solle mit der Partei zusammenarbeiten, die Feuerwehr solle brennende Synagogen nicht löschen. Gleich danach kam eine Abweisung des Gestapo-Chefs Heinrich Müller: 20 000 bis 30 000 Juden, vor allem begüterte Personen, seien festzunehmen.
All das geschah.
Im Jahre 1949 wurde den Oldenburger Brandstiftern der Prozess gemacht. Dabei wurde vermutlich viel gelogen und viel verschwiegen. Manches blieb infolgedessen unklar. Drei Angeklagte aber wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt: die ehemaligen Ortsgruppenleiter Fritz Richter und Emil Hofmann und der frühere SA-Führer von Hedemann. Nicht der „Pöbel“ war es gewesen, der das Feuer gelegt hatte: Richter war 1938 Betriebsleiter des größten Industrieunternehmens der Stadt, einer Fleischwarenfabrik; v. Hedemann war ehemaliger Berufsoffizier und Hofmann, der einzige Geständige, Angestellter der örtlichen Parteizeitung.

 

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Den vollständigen Text finden Sie hier als gepackte Word-Datei.


 

 

Verantwortlich: Boeckmann / e-a-d | Stand: 06.07.2008



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