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Erinnerungsgang
10. November 2007
Oldenburger Jahrbuch Bd. 85 (1985)
HEINRICH HIRSCHBERG
Meine letzten Tage in Deutschland (1938)
Mit einer Einleitung und mit Anmerkungen von Enno Meyer
Den nachfolgenden Bericht hat die Tochter des Verfassers, Frau Paula Dreyfuß geb. Hirschberg/Houston (Texas) zugleich mit den Abbildungen zur Verfügung gestellt. Dafür sei ihr auch an dieser Stelle herzlich gedankt. Der Verfasser des Berichtes ist am 31. Mai 1976 in den Vereinigten Staaten gestorben.
Einleitung
1. Die Verhaftung der jüdischen Männer in der „Reichskristallnacht"
Am 9. November 1938 waren zahlreiche Führer der NSDAP in München versammelt, um des gescheiterten Hitler-Putsches von 1923, des „Marsches zur Feldherrnhalle", zu gedenken. Unter ihnen befanden sich Carl Rover, Gauleiter von Weser-Ems und Reichsstatthalter für Oldenburg und Bremen, Georg Joel stellvertretender Gauleiter und Ministerpräsident von Oldenburg, sowie Heinrich Böhmcker, Führer der SA-Gruppe Nordsee und Regierender Bürgermeister von Bremen. Während der Feier kam die Nachricht, dass der deutsche Diplomat vom Rath dem Attentat erlegen sei, das ein aus Hannover stammender Jude wenige Tage vorher in Paris auf ihn verübt hatte. Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels benutzte mit Hitlers Zustimmung die Gelegenheit dazu, die versammelten Führer der NSDAP aufzufordern, sofort im ganzen Reiche einen Pogrom zu veranstalten . Sie handelten sofort, telefonisch und telegrafisch. Der SA-Führer Böhmcker telegrafierte an die ihm unterstehenden SA-Einheiten:
Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. Die Verwaltungsführer der SA stellen sämtliche Wertgegenstände einschließlich Geld sicher. |
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Die Presse ist heranzuziehen.
Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen von der Feuerwehr. Jüdische anliegende Wohnhäuser sind auch von der Feuerwehr zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden.
Die Polizei darf nicht eingreifen. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift.
Die Feststellung der jüdischen Geschäfte, Läger und Lagerhäuser hat im Einvernehmen mit den zuständigen Oberbürgermeistern und Bürgermeistern zu erfolgen, gleichfalls das ambulante Gewerbe. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen zu schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen mit etwa folgendem Text:
‚Rache für den Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.' Dies kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei.
Rover telefonierte in demselben Sinn mit dem Oldenburger Kreisleiter Willy Engelbart, der sich zusammen mit anderen örtlichen Parteiführern im Restaurant Pape am Heiligengeistwall aufhielt. Engelbart gab Rovers Anweisungen telefonisch an andere Parteistellen weiter. Noch in derselben Nacht wurden die Synagogen in Oldenburg, Delmenhorst, Jever, Wilhelmshaven und an anderen Orten angezündet, jüdische Geschäfte demoliert und - zumindest in der Stadt Oldenburg - jüdische Familien verhaftet und in die Polizeikaserne am Pferdemarkt gebracht.
Noch im Laufe der Nacht langte ein Fernschreiben der Gestapo-Führung in Berlin an, dort abgegangen um 23.55 Uhr.
An alle Stapo-Stellen und Stapo-Leitstellen
An Leiter oder Stellvertreter.
Dieses FS ist sofort auf dem schnellsten Wege vorzulegen.
1. Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen, stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, dass Plünderungen und sonstige Ausschreitungen unterbunden werden können.
2. Sofern sich in Synagogen wichtiges Archivmaterial befindet, ist dieses durch eine sofortige Maßnahme sicherzustellen.
3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20000 bis 30000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht. Sollten bei den kommenden Aktionen Juden im Besitz von Waffen angetroffen werden, so sind die schärfsten Maßnahmen durchzuführen. Zu den Gesamtaktionen können herangezogen werden Verfügungstruppen der SS sowie Allgemeine SS. Durch entsprechende Maßnahmen ist die Führung der Aktionen durch die Stapo auf jeden Fall sicherzustellen.
Gestapo II Müller
Dieses FS ist geheim.
Soweit nicht bereits geschehen, wurden daraufhin am frühen Morgen oder Vormittag des 10. November 1938 fast alle jüdischen Männer des Oldenburger Landes verhaftet. Darüber berichtet hat einer der Betroffenen, der damalige Landesrabbiner Dr. Leo Trepp . Noch ausführlicher ist der Bericht von Heinrich Hirschberg.
2. Die Einbürgerung der Familie Hirschberg
Heinrich Hirschberg wurde am 24.10.1895 in Źmigród im damals österreichischen Galizien geboren, in einer von Polen und Juden bewohnten Kleinstadt am Fuße der Karpaten. Er war Sohn des Eiergroßhändlers Eisig Hirschberg. In der Familie wurde hochdeutsch, d. h. nicht jiddisch gesprochen. Sie gehörte mithin zu dem Teil der galizischen Juden, die sich dem deutschen Kulturkreis angeschlossen hatten, zu dem z. B. auch der Religionsphilosoph Martin Buber (geb. 1878, aufgewachsen in Lemberg), der Schriftsteller Joseph Roth (geb. 1894 in Brody bei Lemberg), die Schauspielerin Elisabeth Bergner (geb. 1897 in Drohobycz) und der Schriftsteller Manès Sperber (geb. 1905 in Zablotów bei Kolomea) gehörten. Da Galizien damals ein Land der Armut war, verließen viele junge Juden ihre Heimat, um anderswo eine Existenzmöglichkeit zu suchen. Manche von ihnen kamen in das nordwestliche Deutschland: nach Harburg a.d. Elbe, Braunschweig, Hannover, Bremen, Delmenhorst, Oldenburg und Wilhelmshaven.
Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, lebte Heinrich Hirschberg noch in seinem Geburtsort. Er wurde, damals 19jährig, zum K.u.K. Infanterie-Regiment Nr. 57 eingezogen, nahm an den Kämpfen im Osten und am Isonzo teil und wurde zum Korporal (Unteroffizier) befördert.
Infolge der Auflösung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1918/19) wurde Galizien polnisch. H. hätte polnischer Staatsbürger werden können, doch schlug er diese Möglichkeit aus. Er ließ sich vom österreichischen Konsulat in Berlin aus der Armee entlassen und wandte sich nach Harburg, wo bereits die jüdische Familie Findling aus Dukla (nahe Źmigród) lebte. Hier fand er seine künftige Frau, Rahel Gitel (später: Gisela) Findling. Sie heirateten 1919 und gründeten im selben Jahr in Oldenburg einen Großhandel mit Kurz- und Galanterie-, später auch mit Bürsten- und Stahlwaren. Ein gleichartiges Geschäft gründete Hirschbergs Schwager S. Findling in Wilhelmshaven, doch ging es einige Jahre später an Hirschbergs jüngeren Bruder Leo Hirschberg über, der 1898 in Źmigród geboren und einige Jahre bei seinem Bruder in Oldenburg tätig gewesen war.
Die beiden Firmen „Heinrich Hirschberg, Textil- und Kurzwarengroßhandlung, Wollwarenstrickerei" in Oldenburg sowie „Leo Hirschberg, vorm. S. Findling, Kurzwarenhandlung" in Wilhelmshaven scheinen sich günstig entwickelt zu haben. Heinrich H. konnte sich ein Mietshaus in der Schmalenstraße und später ein großes Wohnhaus am Staugraben kaufen. Er wurde Mitglied des Synagogengemeinderates und Vorsitzender der Ortsgruppe der Zionisten. Leo H. betätigte sich als 1. Beisitzer des Synagogengemeinderates von Wilhelmshaven-Rüstringen und als Mitglied des jüdischen Landesgemeinderates.
Leo Hirschberg war polnischer Staatsangehöriger, Heinrich dagegen staatenlos. Er erstrebte für sich, seine Frau und später auch für seine drei Kinder Julius (geb. 1920), Paula (geb. 1922) und Hella (geb. 1931) die deutsche Staatsangehörigkeit. Bereits 1920 beantragte er für sich und seine Frau die Einbürgerung .
Der Oldenburger Magistrat stellte zwar fest, dass er ein einwandfreies Geschäft führe und dass nicht zu befürchten sei, dass er den Behörden zur Last fallen werde, doch konnte er wegen der erst kurzen Aufenthaltsdauer des Antragsstellers in Deutschland die Einbürgerung nicht befürworten. Das Gesuch wurde infolgedessen von der Landesregierung abgelehnt. Im Jahre 1925 erneuerte Hirschberg seinen Antrag, und diesmal wurde es vom Stadtmagistrat befürwortet. In dessen Gutachten hieß es:
Der Antragsteller sowie seine Frau sprechen und schreiben vollkommen deutsch, lassen auch ihren Kindern eine Erziehung im deutschen Sinne angedeihen und sind mit dem Leben in Deutschland völlig verwachsen... Hirschberg erweckt den Eindruck eines gebildeten Deutschen, so dass angenommen werden kann, dass er den in staatsbürgerlicher und kultureller Hinsicht an ihn zu stellenden Anforderungen genügt.
Positiv vermerkt wurde auch, dass Hirschberg Eigentümer eines Dreifamilienhauses an der Schmalenstraße 5 war und dass sein Geschäft einen jährlichen Umsatz von etwa 100000 RM hatte. Trotzdem lehnte das oldenburgische Innenministerium den Antrag ab, weil es üblich sei, Einbürgerungen erst nach zwanzigjähriger Bewährungsfrist vorzunehmen, und kein Grund vorhanden sei, bei Hirschberg eine Ausnahme zu machen.
Schon zwei Jahre später erneuerte Hirschberg sein Gesuch, wobei er auf Präzedenzfälle hinwies, die für dessen Annahme sprachen. Wiederum befürwortete der Stadtmagistrat das Gesuch, handle es sich doch um einen gebildeten Mann deutscher Kultur, und er fügte hinzu: Sein achtjähriger Sohn besuche die Wallschule, sei sehr talentiert und solle studieren. |
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Diesmal ließ sich das oldenburgische Innenministerium überzeugen. Im damaligen Deutschen Reich mussten jedoch Einbürgerungsgesuche allen Landesregierungen vorgelegt werden, und dabei kamen von mehreren Ländern Bedenken, doch offenbar ließen sie sich zerstreuen. Am 9. November 1929 erhielt Hirschberg die Urkunde, durch die er zusammen mit seiner Familie die oldenburgische und damit auch die deutsche Staatsangehörigkeit erhielt. Die Gebühr dafür betrug 300 RM. Diese Einbürgerung war so etwas wie ein Sonderfall, denn normalerweise wurden in der Weimarer Republik die Einbürgerungsanträge polnischer Juden, die erst nach dem Ersten Weltkrieg eingewandert waren, abgelehnt. Heinrichs Bruder Leo Hirschberg, Wilhelmshaven, blieb polnischer Staatsangehöriger.
Die neue Staatsbürgerschaft wurde aber schon bald wieder angefochten. Ein nationalsozialistisches Gesetz vom 14. Juli 1933 „Betr. Widerruf von Einbürgerungen und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit", das speziell auf Juden gemünzt war, führte dazu, dass auch Hirschbergs Einbürgerung überprüft wurde. Die von den Behörden eingezogenen Erkundigungen ergaben jedoch, dass er seine Steuern stets pünktlich bezahlt, keiner jetzt verbotenen Partei angehört hatte und nicht vorbestraft war, vor allem aber war er - und das scheint ausschlaggebend gewesen zu sein - Frontkämpfer des 1. Weltkrieges gewesen. Das oldenburgische Ministerium des Innern entschied daher am 15. 6. 1935: Nach den eingezogenen Berichten kommt ein Widerruf der Einbürgerung nicht in Frage.
Genau drei Monate später aber wurden die Nürnberger Gesetze verkündet. Sie bestimmten, dass Juden keine deutschen Staatsbürger, sondern nur minderberechtigte „Staatsangehörige" seien, und deren Rechte wurden durch immer neue Ausführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen fast von Monat zu Monat vermindert. Der 9./10. November 1938 machte es klar, dass sie völlig rechtlos waren.
Dieser Pogrom hatte eine kurze Vorgeschichte: Auf Grund eines polnischen Gesetzes vom 31.3.1938 veröffentlichte der polnische Staatsanzeiger vom 15.10.1938 eine Verordnung, wonach die Pässe der im Ausland lebenden polnischen Staatsangehörigen von dem zuständigen Konsulat „überprüft" werden müssten. Nur diejenigen, deren Pässe einen solchen „Überprüfungsvermerk" trügen, dürften künftig, d. h. ab 30.Oktober 1938, wieder in Polen einreisen. Dieser Vermerk aber konnte denjenigen verweigert werden, die mehr als fünf Jahre im Ausland lebten, und das waren vor allem Juden, davon etwa 50 000 im Deutschen Reich. Daraufhin ersuchte das Auswärtige Amt am 26.Oktober das Reichssicherheitshauptamt, die in Betracht kommenden Personen bis zum 29.Oktober aus Deutschland abzuschieben.
| Das geschah sofort. In der Stadt Oldenburg wurden zu dem Zweck die Familien Grünberg und Parnes festgenommen, und in Wilhelmshaven traf diese Maßnahme die Familie Hirschberg, d. h. Leo Hirschberg, seine Frau Lotte geb. Findling (geb. 10.3.1896 in Dukla) und deren Tochter Lucie (geb. 8.9.1926 in Oldenburg) . Damit beginnt der nachfolgende Bericht. |
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Meine letzten Tage in Deutschland
Erinnerungen von Heinrich Hirschberg in Port Chester, New York, geschrieben im Januar 1939
Am Abend des 28. Oktober 1938 hatten wir eine Gemeinderatssitzung. Verschiedene Gemeinderatsmitglieder waren bereits ausgewandert, so dass nur noch einige Mitglieder die Sitzung abhalten konnten. Einer der Mitglieder, Meier Grünberg , polnischer Staatsangehöriger, kam nicht zur Sitzung. Kurz nach Eröffnung der Sitzung kam der Rabbiner Dr. Leo Trepp und teilte mit, dass ihm der Lehrer Moses Katzenberg mitgeteilt habe, Herr Grünberg sei plötzlich verhaftet worden und werde daher nicht zur Sitzung kommen. Wir besprachen diesen Vorfall, konnten aber keine Erklärung dafür finden.
Die Sitzung war sehr schnell beendet. Auf dem Wege nach Hause - die Sitzung fand in der Wohnung des Vorstehers Leopold Liepmann statt - sprachen wir immer noch lebhaft über die vermutlichen Gründe der Verhaftung dieses braven 68-jährigen Mannes. Da sagte der Rabbiner, er hörte, dass auch die Familie Parnes im Zusammenhang mit der Verhaftung genannt worden war.
In dieser Nacht des 28.-29. Oktober schlief ich sehr unruhig. Erst gegen Morgen schlief ich ein. Aber schon ziemlich früh wurde ich aus Wilhelmshaven von Fräulein Charytan, dem Hausmädchen von meinem Bruder Leo, angerufen. In höchster Erregung erzählte sie mir, dass die Familie meines Bruders, sowie eine ganze Reihe anderer Personen in Wilhelmshaven gegen 9 Uhr abends verhaftet und am frühen Morgen mit dem Schnellzug nach auswärts gebracht worden seien. Ich sollte sofort nach Wilhelmshaven kommen.
Ich ging sofort in das Haus von Grünberg, um dort den Grund der Verhaftung zu erfahren. Dort erfuhr ich, dass auch die ganze siebenköpfige Familie Parnes am Vorabend verhaftet worden war. Alle, also auch Grünberg wurden nach Bremen überführt.
Der Schwiegersohn von Grünberg Unger , durfte mitfahren. Frau Unger, die Tochter des verhafteten Grünberg war fassungslos und aufgelöst. Während ich mich dort eine kurze Zeit aufhielt, fuhr der Autobus vor, mit dem die Verhafteten fortgebracht worden waren.
Dem Wagen entstiegen Herr Unger und die vier erwachsenen Kinder von Parnes. Da die erwachsenen Kinder keine polnischen Pässe besaßen, wurden sie zurückgeschickt. Ohne Pässe konnte man sie nicht nach Polen ausweisen. Unger erzählte, dass in Bremen alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus der Umgebung gesammelt und in einem Sonderzug nach Polen abgeschoben worden seien. Ich wusste im Augenblick nicht, was ich für meinen Bruder und seine Familie tun könnte.
Ich fuhr aber mit dem nächsten Zug nach Wilhelmshaven. Fräulein Charytan war in der Wohnung, verweint und nicht ausgeschlafen. Ich ließ mir den Hergang kurz erzählen. Ich erfuhr, dass alle ganz überraschend verhaftet, auf die Polizei geführt, wo sie die ganze Nacht ohne Schlaf verbracht hatten. Sie durften nichts außer den Sachen, die sie auf dem Körper hatten, mitnehmen. In Wilhelmshaven wurden mehrere Familien von dieser unmenschlichen Aktion betroffen, so auch mein Neffe Benno Findling, 21 Jahre alt.
Ein Herr Pfeffer aus Wilhelmshaven, dessen Tochter durch die Heirat mit einem polnischen Staatsangehörigen Polin geworden war und ebenfalls ausgewiesen wurde, erzählte mir, er wäre beim Polizeipräsidenten gewesen. Dieser hatte ihm erklärt, die Ausweisungen wären auf die Verordnung der polnischen Regierung zurückzuführen. Die Verordnung laute: Wer von den außerhalb der Grenzen Polens wohnhaften Staatsangehörigen nicht nach Polen komme, um seinen Pass abstempeln zu lassen, werde die polnische Staatsangehörigkeit verlieren. Damit die Juden ihre polnische Staatsangehörigkeit nicht verlieren und dem deutschen Staate zur Last fallen, hätte die deutsche Regierung die Abschiebung zur Grenze angeordnet. Er, der Polizeipräsident, sei davon überzeugt, dass die Rückkehr nach Erledigung der Formalitäten möglich sein werde.
Diese Formulierung schien mir plausibel, und ich sagte mir, dass nichts anderes übrig bleibe, als abzuwarten. Ich ließ mir von Fräulein Charytan alle Schlüssel geben, entnahm alle Wertsachen, wie Bargeld, Schmuck, Silberwaren, Persianermantel und Reiseschreibmaschine. Die Schlüssel von den Schränken behielt ich, die Wohnungsschlüssel übergab ich Herrn und Frau Cytryn , den besten Freunden der Familie meines Bruders, damit sie die Wohnung beaufsichtigen und lüften könnten.
Ich fuhr nach Oldenburg zurück. Dort rief ich in Hamburg an, um zu hören, ob meine Neffen Jakob und Alfred Findling auf freiem Fuß seien. Aber leider waren auch diese fort.
Am nächsten Tag fuhr ich zum Hilfsverein in Bremen. Der Leiter, Rechtsanwalt Löwenstein , wusste keinen Rat. Ich bat ihn, auf meine Kosten beim Hilfsverein in Berlin anzurufen. Aber auch Berlin konnte nicht helfen. Ich ging zur Devisenstelle und bat um Freigabe und Genehmigung einer Geldsendung für die Ausgewiesenen. Eine Genehmigung wurde jedoch abgelehnt.
Ich fuhr also unverrichteter Sache nach Hause, dort überlegte ich, was weiter zu tun sei. Ich hoffte durch ausländische Radiomeldungen etwas über das Schicksal zu erfahren. Aber es gab nur spärliche Nachrichten, die die unglücklichen Ausgewiesenen betrafen. Ich fuhr daher am nächsten Tag zum polnischen Konsulat nach Hamburg. Dort war das Haus voll verzweifelter Menschen, die ebenfalls hofften, für ihre Verwandten und Freunde irgendwelchen Schutz zu erreichen.
Aber die polnischen Behörden verhielten sich völlig passiv und sagten mir: Abwarten! Verschiedene Leute kamen von der Grenze zurück; die Aktion würde eingestellt, weil Polen mit Ausweisungen von Deutschen aus Polen zu antworten begann.
Inzwischen bekam ich kurze Mitteilungen von den Ausgewiesenen, dass sie über die Grenze geschoben worden seien. Sie hatten keine Kleider, Wäsche oder Schuhe zum Wechseln. Ich sollte ihnen Sachen nachschicken.
Ich ging zur Polizei in Harburg und bat um Öffnung der versiegelten Wohnung um Sachen herauszuholen und den Ausgewiesenen nachzuschicken.
Nachdem man mich von einem Büro ins andere geschickt hatte, rief ein Beamter bei der Zentrale in Hamburg an und bekam dort den Bescheid, dass eine Nachsendung nicht gestattet werden könne. Alles werde einheitlich geregelt werden, also abwarten.
Abends fuhr ich nach Oldenburg zurück und am nächsten Tag wieder nach Wilhelmshaven. Ich ging dort zur Polizei, um einiges an Kleidung und Wäsche für die Familie meines Bruders und den Neffen Benno Findling frei zu bekommen. Nach langen Überlegungen wurde mir das gestattet.
Ich musste mit den Sachen auf die Polizeiwache; dort wurde alles sehr gründlich geprüft und mit dem von mir angefertigten Verzeichnis verglichen. Die Polizei verschloss den Koffer, behielt die Schlüssel und schickte mich mit dem Koffer zum Zollamt. Herr Cytryn fuhr überall hin mit mir.
Beim Zollamt haben wir lange warten müssen, bis der Sipo (Sicherheitspolizist) mit den Kofferschlüsseln kam. Der Zollbeamte hatte wahrscheinlich die telefonische Anweisung der Polizei, nochmals alles gründlich zu prüfen.
Nach 24 Stunden war ich mit der Abfertigung des Koffers in Wilhelmshaven endlich fertig. Ich ließ den Koffer nach Oldenburg aufgehen, um dort weitere Nachrichten von den Ausgewiesenen abzuwarten, denn wir hofften immer noch, dass eine baldige Rückkehr möglich sein würde.
Eine Woche nach der Ausweisung ließ ich den Koffer nach meinem in Źmigród wohnenden Bruder Natan abgehen. Ich dachte mir, von dort aus würde man den Koffer schon weiterleiten, falls Leo und Familie nicht nach Źmigród gehen würden.
Mein Bruder blieb aber in Warschau, und nach fünf Wochen, also am 7. Dezember, schrieb Leo, er hätte den Koffer immer noch nicht bekommen. Die Absendung erfolgte als „beschleunigtes Eilgut" und war schon ungefähr am 5. November in Krakau. Dort lagerte er also im Zollgebiet und wurde trotz wiederholter Verfügungen nicht weitergeleitet. Es scheint in Polen keine besonders gute Ordnung zu herrschen.
Während ich bei den Behörden für meinen Bruder Leo manches zu besorgen hatte, legten die Beamten mir gegenüber Wert darauf, festzustellen, dass nicht die deutschen Behörden die Ausweisung verschuldet hätten, sondern einzig und allein die polnische Regierung. Es sah beinahe so aus, als ob sich der eine oder andere Beamte für diese Gemeinheit der deutschen Regierung entschuldigen und [sie] auf die polnische Regierung abwälzen wollte. In Wirklichkeit hat die polnische Regierung den äußeren Anlass dazu gegeben. Aber schließlich hat kein anderes Land die Verordnung der polnischen Regierung zum Anlass genommen, die polnischen Juden auszuweisen.
Am 5. November rief ich Frau Epstein in Hamburg an, nochmals bei der Polizei vorstellig zu werden, damit sie für Alfred und Jakob Findling Sachen freibekommt und abschicken lässt. Das hat sie auch getan, und es wurden noch am gleichen Tag zwei Koffer mit Kleidung und Wäsche abgeschickt Sonntag den 6. November, versuchte ich, meinen Bruder Natan in Źmigród telefonisch zu erreichen. Morgens um 10 Uhr habe ich ein Gespräch angemeldet, und um 5 Uhr nachmittags bekam ich den Bescheid, dass das Postamt in Źmigród um 4 Uhr nachmittags geschlossen worden sei. Eine Verbindung war also nicht mehr zu erreichen.
Am Dienstagabend hatte David Hirschtick Jahrzeit . Er kam verspätet und in großer Erregung zur Synagoge. Er erzählte nachher, dass bei ihm zu Hause telefonisch anonym angerufen wurde. Es wurde etwa folgendes gesagt: Sie müssen sofort verschwinden. Sie werden sonst in der Nacht abgeholt.
Seine Frau und er wollten noch gegen 9 Uhr abends nach Hamburg abreisen, weil sie ohnehin beim amerikanischen Konsulat am 9. November zwecks Untersuchung erscheinen sollten. Aber sie erreichten den Zug nicht mehr. Sie übernachteten daher bei den arischen Eltern seiner Frau. Am 9. November waren sie in Hamburg; die Untersuchung verlief normal Das Visum wurde ihnen zugesagt, so dass sie von Hamburg aus voller Freude anriefen und das Resultat mitteilten.
In der Zwischenzeit, am Vormittag des 9. November, war ich in deren Haus und erkundigte mich bei den Einwohnern, wo die Hirschticks seien, um so zu hören, ob jemand in der Nacht nach ihnen gefragt hatte. Die Einwohner wussten von nichts, so dass man ihnen am Telefon sagen konnte, es hätte sich nichts Neues ereignet. Sie kamen nachts nach Hause, aber gegen 4 Uhr morgens des 10. November wurden sie tatsächlich verhaftet. Aber sie waren nicht die einzigen.
Im Obdachlosen-Asyl trafen sie schon sehr viele verhaftete Familien mit Frauen und Kindern, Greise, Kranke, also alles was Jude war, wurde dorthin gebracht.
In meine Wohnung kamen die SA-Leute viel später, erst gegen 7.30 Uhr morgens. Es kamen zwei SA-Leute in die Wohnung und riefen schon auf der Treppe laut: Polizei!!! Polizei!!! Als unser Hausmädchen, Fräulein Rosa Charytan, das hörte, kam sie ganz bestürzt in die Küche, wo ich mich aufhielt und wiederholte: Polizei!!! Polizei!!! Da ich ein reines Gewissen hatte, aber trotzdem jeden Tag damit rechnete, dass auf Grund des Attentats von Paris auf den Gesandtschaftsgehilfen vom Roth durch Mordko Grynspan etwas passieren würde, ging ich den SA-Leuten gefasst entgegen. Einer der beiden Männer sagte in ganz ruhigem Ton: Sind Sie Herr Hirschberg? Ich bejahte das. Darauf erklärte er: „Sie sind verhaftet. Machen Sie sich sofort fertig; auch Ihre Frau und Kinder müssen mit." Darauf sagte ich: „Das muss ein Irrtum sein! Ich weiß keinen Grund für diese Maßnahme." Der SA-Mann sagte darauf: „Es ist eine Vergeltungsmaßnahme wegen des Pariser Mordes." Ich sagte: „Damit habe ich nichts zu tun." Der SA-Mann sagte: „Das weiß ich, es ist eine Aktion im ganzen Reich. Sie müssen jetzt alle mit; machen Sie sich schnell fertig!"
Inzwischen weinte meine Tochter Hella, und meine Frau sagte: „Wo soll ich denn hin mit dem kranken Kind?" Der eine SA-Mann, der bisher ständig das Wort geführt hatte, sagte: „Wenn das Kind krank ist, so bleiben Sie mit dem Kinde zu Hause. Ist sonst noch jemand zu Hause? Ich sagte: Ja, meine ältere Tochter, aber sie ist nicht wohl." - Der SA-Mann sagte: „Dann gut, so machen Sie sich allein fertig." Aber der zweite SA-Mann erklärte, damit nicht einverstanden zu sein, es mussten alle mit. Meine Frau und Kinder waren ohnehin erschrocken und weinten, und der erste SA-Mann hatte Mitleid und sagte etwas zu dem anderen SA-Mann, so dass er sich damit einverstanden erklärte, nur mich allein mitzunehmen. Er ging in seinem Entgegenkommen sogar so weit, mir zu raten, gemütlich zu frühstücken. Aber ich dankte ihm und wies daraufhin, dass mir der Appetit vergangen sei. Ich bat nur, etwas Sachen, wie Wäsche, einen Anzug zum Wechseln, Toilettenartikel, und so weiter, mitnehmen zu dürfen. Damit war er einverstanden. Ich machte den Abschied kurz und sagte nur „Lebt wohl", denn im Moment dachte ich: „Wir sehen uns doch nicht wieder." Aber wie aus einem Mund erwiderten alle, auch Fräulein Charytan: „Auf Wiedersehen!" Und da erwiderte ich erst: „Auf Wiedersehen!"
Als ich die Treppe herunterging hörte ich oben ein schreckliches Gejammer, alles schluchzte, aber ich blieb hart. Unten wartete ein weiterer SA-Mann, der sich mit der Bewohnerin meines Hauses, Frau Janßen, unterhielt. Er lief sofort an das wartende Personenauto, machte den Verschlag auf, ich ging als erster hinein, dann die drei SA-Männer.
In ein paar Minuten waren wir im Obdachlosen-Asyl, wo ich bereits die ganze Gemeinde versammelt angetroffen habe. Die Frauen und Kinder standen im Hof, waren also schon ausrangiert und sollten nach Hause gehen. Ich wurde in den Raum hineingeführt, alle Männer waren nur notdürftig angekleidet, meistens im Nachthemd und mit Oberkleidern übergeworfen. Sie erzählen mir dort, die Synagoge und die Schulgebäude wären nachts niedergebrannt worden. Der Lehrer Alexander Freund und seine Frau wären nachts um 1.30 Uhr aus dem brennenden Haus geflüchtet. Sie sollten womöglich verbrannt oder totgeschlagen werden, aber wie durch ein Wunder sind sie im Dunkeln in der draußen stehenden Menge untergetaucht, die alle sehr interessiert zusahen, wie auf eine Frau dreingeschlagen wurde, und sie in Todesangst schrie: „Ich bin keine Jüdin!" Es war nämlich die Hauswärterin Frau Wulf. Sie hat die Frau und Herrn Freund zugedachten Schläge bekommen, als sie aus dem brennenden Haus flüchtete. Sie ließen erst von ihr ab, als sie erkannt wurde.
Mit den Frauen und Kindern wurden auch einige Männer ausrangiert, und zwar Max und Julius Parnes, sowie David Hirschtick, die als polnische Staatsangehörige angesehen wurden. Alle anderen, etwa 40 Männer, darunter der 72-jährige getaufte Jude Leopold Hahlo , von evangelischer Religion, wurden am 10. November an der noch brennenden Synagoge vorbeigeführt. Von dort ging es durch die belebten Geschäftsstraßen - wie Haarenstraße - Lange Straße - Schloßplatz - Damm - zum Gefängnis.
Überall stand Pöbel herum, aber es ging verhältnismäßig ruhig zu. Nur halbwüchsige Schuljungen, die infolge der Judenaktion anscheinend schulfrei hatten, machten sich über uns lustig und überboten sich in faulen Witzen. Gegen 10 Uhr vormittags trafen wir im Gefängnis ein; dort wurden unsere Wertsachen, Geld, Taschenmesser usw. abgenommen. Außer einem Taschentuch durften wir nichts behalten. Die Personalien wurden aufgenommen. Schließlich wurden wir in kleinen Kellerräumen des Gefängnisses untergebracht .
Die Räume waren vollkommen leer. Im Laufe des Tages wurden Böcke gebracht, so dass wir uns setzen konnten. Dann kamen Strohsäcke und je eine Schlafdecke. Es war sehr kalt. Dazu standen die vergitterten Fenster auch noch auf, und wir froren ordentlich. Nachmittag bekamen wir einen Napf mit Suppe, gegen Abend trockenes Brot. Wir sprachen miteinander - es waren jeweils drei Mann in einer vollen Zelle, nur ich war mit weiteren fünf Männern in einer Doppelzelle - aber wir hatten keinen richtigen Gesprächsstoff. Es war uns vollkommen unklar, was aus uns werden sollte. Die einen meinten, sie würden uns bis nach der Beerdigung des vom Rath behalten und dann wieder freilassen, andere wieder glaubten, sie würden uns so lange gar nicht behalten, sondern schon am nächsten Morgen wieder laufen lassen. Es waren auch welche der Meinung, sie würden uns zur Befestigung der Grenzen auf Zwangsarbeit schicken, aber an Konzentrationslager hat keiner gedacht.
Am nächsten Morgen bekamen wir eiligst unseren schwarzen Kaffee und ein Stück Schwarzbrot, aber wir hatten noch gar nicht angefangen zu essen, als wir schon eiligst herausgetrieben wurden. Wir sollten den üblichen halbstündigen Spaziergang für Sträflinge machen. Aber es dauerte kaum ein paar Minuten, da wurden wir wieder hineingetrieben. Es ging alles sehr eilig. Dann wurden wir wieder herausgeholt aus unseren Zellen. Wir sollten unsere Sachen wieder haben. Da freuten wir uns alle schon, denn wir dachten: „Nun können wir nach Hause gehen."
Aber es bekamen bloß diejenigen alle ihre Sachen zurück, die über 70 Jahre alt waren, und die jüngeren Leute bekamen alles, außer Geld und Taschenmesser. Wir wurden wieder in unsere Zellen getrieben. Ich benutzte diese Pause, um schnell auf einem Zettel meiner Frau Instruktionen zu geben; was sie tun soll, wenn ich nicht bald nach Hause komme. Dies bezog sich hauptsächlich auf die Vorbereitung unserer Auswanderung. Kaum hatte ich den Zettel fertig geschrieben und einem über 70-jährigen Herrn Julius de Beer und außerdem noch mündliche Instruktionen gegeben, da wurde die Zellentür wieder aufgerissen. „Alles heraus!" hieß es.
Wir wurden auf die obere Etage geführt, und oben wurden tatsächlich die Leute über 70 Jahre ausrangiert und sollten nach Hause gehen. Alle anderen sollten sich an anderer Stelle aufstellen.
Meine Auswanderungspapiere hatte ich zum Teil bei mir. Ich ging auf den Leiter der Gestapo zu, der jetzt die Aufteilung vornahm und hielt ihm die Auswanderungspapiere vor. Er sagte mir: „Sie werden noch Gelegenheit haben, Ihre Auswanderungsangelegenheit vorzubringen. Ich kann im Moment nichts tun."
Gegen 10 Uhr wurden die von 16 bis 70-jährigen, etwa 32 Mann, in einen Autobus gestopft und in die Polizeikaserne gebracht. Als wir dort ankamen, sahen wir eine Gruppe von etwa 500 in Reih und Glied aufgestellte Juden aus der ganzen Oldenburger und ostfriesischen Umgebung, die alle im Laufe der Nacht hergebracht worden waren.
Wir Oldenburger sahen noch verhältnismäßig gut aus. Aber diejenigen, die wir da angetroffen hatten, sahen schon sehr angegriffen aus und hatten zwei Nächte nicht geschlafen.
Sie berichteten, dass sie in der Nacht vom 9. auf den 10. November bei den brennenden Synagogen Aufräumungsarbeiten machen mussten, nichts zu essen bekamen, die meisten wurden schwer misshandelt und hatten auch im Gesicht blutunterlaufene Stellen. Vielfach waren die Kleider, die sie anhatten, bei den Aufräumungsarbeiten angebrannt oder zerrissen worden. Sie hatten auch keine Waschgelegenheit und sahen verrußt, schmutzig nicht rasiert, todmüde und hungrig aus.
Da ging nochmals das Ausrangieren los. Alle unter 16 und über 70-jährigen aus der Umgebung wurden herausgeholt und weggeschickt. Das Zählen und Kommandieren nahm kein Ende. Schließlich wurden wir gegen Mittag zum Bahnhof geführt. Die Straßen säumte jetzt zusammengetrommelter Pöbel aber wieder nur Jugendliche waren die Wortführer. Auch einige jüdische Frauen waren an der Straße, die schon erfahren hatten, dass wir weggebracht werden. Frau de Jonge rief uns tröstend zu, während Frau Josephs und Frau Silbiger herzzerreißend geweint haben. Sie gaben ihren Männern noch etwas Geld, Essen und Wäsche mit. Aber jedes Mal wurden die Frauen zurückgedrängt, wenn sie sich dem Zug näherten.
Am Bahnhof- am Bahnsteig - sangen Jugendliche im Chor Schmählieder, die sie sicher vorher schon einstudiert hatten. Der Extrazug mit einer ganzen Reihe von Personenwagen ging in Richtung Bremen und machte die erste Station erst in Bremen.
Dort wurden eine Anzahl von unseren Gefangenen, die entweder typisch jüdisch aussahen oder für den „Stürmer" sonst geeignet erschienen, für den Bilderdienst des „Stürmer" fotografiert.
In der Zwischenzeit sind noch weitere Personenwagen mit Juden aus Bremen, Bremerhaven, usw. an unseren Zug angehängt worden . Die Fahrt ging weiter. Wir bekamen nichts zu essen oder zu trinken. Fast gar keiner hatte Geld bei sich. Nur Moses Silbiger aus Oldenburg hatte 20 Mark von seiner Frau bekommen.
Unterwegs, ich glaube in Ülzen war es, erlaubte einer der uns begleitenden Gestapobeamten, für 10 Mark Zigaretten zu holen. Dazu gab der arme Silbiger 10 Mark her. Soweit es reichte, bekam jeder eine oder zwei Zigaretten.
Die Fahrt gab uns wenig Abwechslung denn der Zug hielt nur zwei oder drei Mal bis Sachsenhausen. Wohin die Fahrt geht, wussten wir nicht. Aber einer von den Gefangenen, der schon einmal das „Vergnügen" hatte in Sachsenhausen zu sein, hat es vorausgesagt.
Der Unterhaltungsstoff bezog sich auf die zurückgebliebenen Familien, die meistens nicht wussten, wovon sie am nächsten Tag leben sollten; auf die verbrannten Synagogen, Schulen, Altersheime, Waisenhäuser, auf die geplünderten Geschäfte und Privatwohnungen und auf die angewandten Methoden bei der Verhaftung.
Die Begleitmannschaft der Gestapo war verhältnismäßig anständig ließ nur nicht die Fenster öffnen, und die Türen der Toiletten durften nicht geschlossen sein, wenn man sie benutzte. Sie fragten sogar, ob sich jemand krank und reiseunfähig fühlte. Und da sich einige als solche bezeichneten, kam ein Beamter mit einem ebenfalls gefangenen Arzt, Dr. Hofmann aus Emden, vorbei und ließ die Kranken konsultieren. Einige, die Fieber hatten, durften von Berlin aus wieder zurück nach Hause fahren. Nach Fahrgeld wurden sie nicht gefragt. Jedenfalls besaßen sie keins.
Als wir Berlin passierten, sagten uns die Gestapo-Beamten, dass wir bald am Ziel sein würden. Alles war gespannt. Kurz bevor der Zug hielt, stand alles bereit, und kaum stand der Zug da stürzten die Bewachungsmannschaften des Konzentrationslagers in die Abteile herein, schrien wie die Wilden: „Seid Ihr noch nicht draußen - Seid Ihr noch nicht draußen! Ihr Drecksäcke, auf Euch haben wir gewartet!" Dabei schlugen sie mit den Gewehren, mit Fäusten, und teilten mit ihren klobigen Stiefeln Fußtritte aus. Alles war entsetzt. Wir dachten nicht an die Wirklichkeit, sondern an einen wüsten Traum.
Wir Gefangenen sahen uns bloß an, ohne Worte zu finden.
Auf einem Sandweg vor dem Zuge mussten wir uns in Reih und Glied aufstellen. Dabei wurden wieder Schläge ausgeteilt. Wir wurden gezählt und, nachdem alles stimmte, ging der Marsch zum Konzentrationslager Sachsenhausen los.
Es war um etwa 7 Uhr abends des 11. November, eine schreckliche, finstere Nacht, jedenfalls das schrecklichste Erlebnis bis zu meinem 43. Lebensjahr.
Alle die Lebensgefahren und Strapazen des Krieges, die ich als Soldat durchgemacht habe, habe ich nicht so brutal empfunden, wie diesen Marsch von einigen Kilometern von der Bahnstation oder - besser gesagt - Haltestelle Sachsenhausen bis zum Lager.
Es begann eine Hetzjagd von unerhörter Brutalität. Der Zug brachte 938 Juden von 14 bis 82 Jahren. In anderen Bezirken, wahrscheinlich im Bremer Bezirk, sind die Jugendlichen unter 16 und Männer über 70 nicht ausrangiert worden. In Reihen zu fünf Mann wurden die Leute im Laufschritt getrieben. Wir sollten auch Schritt halten und schön geordnet laufen. Die vorne liefen, wurden immer wieder angetrieben und dann wieder angehalten, so dass die Nachdrängenden oder Nachgedrängten aufeinander fielen, und wenn so 20-30 Mann hingefallen sind, wurden sie mit Kolbenschlägen und Fußtritten hochgetrieben.
Die Bewachungsmannschaften schrien ständig wie die Besessenen, schlugen wie wild auf die Gefangenen ein. Es wurden Beine gestellt. Ständig lagen 20-30 Mann auf dem Boden; die Nachgedrängten gingen über sie weg. Viele bluteten und schrien entsetzlich.
Die Menschen konnten noch kaum atmen. An meiner Seite lief Alex Hirschfeld , ein Mann von 62 Jahren aus Oldenburg, der nicht mehr weiter konnte. Ich fasste ihn am Arm und schleppte ihn auch noch mit. Ich hatte auch noch einen Handkoffer bei mir, mit dem ich mich gegen Schläge und Fußtritte zu schützen suchte.
Das ging in diesem Tempo immer weiter durch diesen Sandweg. Alles war erschöpft und alles auf uns war trotz des sehr kalten Abends vollkommen durchnässt von Schweiß.
Endlich sahen wir Lichter vom Lager. Wir sahen die Lichter als Erlösung an, aber wir waren noch lange nicht am Ziel. Wir wurden immer mehr angetrieben. Viele Alte und Kranke blieben unterwegs liegen. Wie wir nachher erfuhren, wurden diese Unglücklichen wie Leichen in einen offenen Bauernwagen hineingeworfen. Sie wurden einfach am Kopf und an den Beinen angepackt und im großen Bogen in den Wagen hineingeworfen.
Als wir endlich völlig erschöpft am Appellplatz des Lagers ankamen, sahen wir viele lausende Gefangene in Zivilkleidung, die auch an diesem 11. November angekommen waren. Die Begleitmannschaft übergab uns der Bewachungsmannschaft des Lagers. Alles SS-Leute, entmenschte Sadisten, deren Vergnügen darin zu bestehen schien, wehrlose Menschen zu quälen, zu martern und zu peinigen.
Wenn wir glaubten, die Feuertaufe mit dem Marsch ins Lager überstanden zu haben, so sollten wir bald erfahren, was Konzentrationslager heißt.
So durchgeschwitzt wie wir da standen, mussten wir die Kopfbedeckung ablegen, und wer etwa einen Wollschal hatte, musste den abnehmen. Rockkragen durfte nicht hochgeklappt werden. Alles fing gleich an zu husten. Bald stellten sich Kälte und Durst ein. Aber um uns kümmerten sich nur die SS-Leute, die uns hänselten, und uns erzählten, dass wir morgen alle erschossen werden. Ein anderer interessierte sich für den Zivilberuf des einzelnen. Für jeden Beruf, den man nannte, gab er seinen Kommentar. Ein Kaufmann war bei ihm ein Betrüger; ein Arzt - ein Mörder; ein Rechtsanwalt - ein Rechtsverdreher; ein Apotheker - ein Giftmischer; ein Schriftsteller - ein Hetzer, usw.
Als ein Rechtsanwalt erklärte: „Ich bin ein Rechtsanwalt und Oberleutnant a.D." - Die Antwort des SS-Mannes waren unzählige Fußtritte und Faustschläge. Er schrie wie besessen: „ Was, ein Jude Oberleutnant? Du Schwein, du Drecksack, du Schwindler! Du hast wohl das ganze Regiment bestochen! Komm, du kannst dieses Schild tragen und deinen Rassengenossen vorlesen: ,Wir sind Schuld am Mord an dem Diplomaten vom Rath. Wir sind die Zerstörer der deutschen Kultur!"'
Mit dem Tragen der Schilder und dem Vorlesen der Schmähungen wechselten sich viele Gefangene, je nachdem es den Peinigern gefiel.
Als ein Herr Georg Goslar aus Oldenburg ein solches Schild trug wurde er so gejagt und mit Fußtritten bedacht, dass er hinfiel und der Stock zerbrach. Der SS-Mann nahm dann den abgebrochenen Stock und schlug den armen Goslar so lange auf seine Glatze, bis er blutete.
Die nicht gerade die Schilder tragen mussten, mussten stramm stehen. Es war inzwischen Mitternacht geworden, und wir standen immer noch draußen. Schließlich wurden wir vor das Büro geführt, wo unsere Personalien aufgenommen wurden. Es dauerte nicht lange, denn auch dort ging es mit Fußtritten und mit derartigem Geschrei zu, dass man froh war, wenn man wieder draußen war. Aber jeder, der herausgekommen ist, und sich neu formierte, bekam vom SS-Mann einen derartigen Fußtritt, dass die meisten hinfielen und nur mit Hilfe von weiteren Fußtritten wieder hochkamen.
Dann hieß es: „Ihr friert ja, wir wollen wieder einen Laufschrittmarsch machen. "Dieser Laufschrittmarsch kostete zwei unserer Kameraden das Leben. Der schwer herzleidende Löwenstein, etwa 60 Jahre alt, aus Emden, fiel sofort tot hin. Der Zweite war kurz darauf das Opfer des Marsches: Herr Ludwig Weiß aus Bremen, früher Besitzer eines Kaufhauses in Varel in Oldenburg (Staat) .
So standen wir, ohne zu wissen, wann wir zur Ruhe kommen. Im Laufe der Nacht wechselten sich die SS-Leute ab. Als ein Gefangener fragte, ob er austreten durfte, lachte der vor uns stehende SS-Mann und sagte: „Du bist ja erst gekommen, bis morgen Abend wirst Du wohl noch warten können!" Da die meisten 48 Stunden nichts mehr gegessen hatten, war es mit dem Austreten nicht sehr wild, und doch haben viele durch die Kälte oder durch die ausgestandenen Schrecken unbedingt austreten müssen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig als sich schmutzig zu machen.
Ständig kamen neue SS-Männer. Der eine suchte Leute, die er kannte, der andere erkundigte sich, ob man den oder jenen kenne. Alle wollten sie unseren Zivilberuf wissen. Bald hatten wir heraus, was ihren Unwillen am wenigsten herausforderte. So war ein Rabbiner - ein Lehrer; ein Richter - ein Schreiber; ein Arzt - ein Friseur; ein Kaufmann - ein Angestellter; ein Chemiker - ein Hausdiener, usw.
Gegen 4 Uhr morgens kamen zwei SS-Männer, die aus Leer / Ostfriesland stammten, und suchten Bekannte. Sie fanden schließlich einen Viehhändler aus Leer, mit dem sie einmal auf dem Viehmarkt in Leer einen Streit hatten. Sie versuchten, ihn in Wut zu bringen, aber unser mitgefangener Viehhändler hat es ausgezeichnet verstanden, sie zu entwaffnen. Er führte das Gespräch auf friedliches Gleis und bat, ob er austreten dürfte. Das wurde ihm erlaubt, und das war der Anfang zur Lösung dieser Frage.
Als der Viehhändler zurückkam, bat er um etwas Trinkwasser, auch das wurde ihm genehmigt. Die SS-Männer fragten, wer eine Thermosflasche bei sich habe. Es fanden sich fünf solche Flaschen. In diesen Flaschen wurde für die vielen, etwa 3000 Menschen, Trinkwasser herausgebracht. Aber es lockerte sich nachher etwas, es wurden noch andere Gefäße von anderen, älteren Sträflingen, die nachher kamen, um unsere Zimmerältesten zu werden, heimlich herausgebracht und Wasser verteilt. Die meisten waren so durchgefroren, dass sie auf das erfrischende Wasser verzichteten.
Wir waren alle schrecklich müde, und viele schliefen stehend ein und fielen so hin. Aber wir wurden immer wieder von den entmenschten SS-Leuten aufgeschreckt, die hinter unserem Rücken aufpassten. Wenn jemand nicht stramm stand, bekam er derartige Fußtritte oder Schläge, dass er hinfiel. Dann sagten die SS-Leute nur vor sich hin: „Er denkt, dass er zur Erholung hergekommen ist. Ihr sollt Euch noch wundern!"
Als es etwas heller wurde, sahen wir auf den Türmen des Lagers Maschinengewehre. Davon waren auch welche auf uns gerichtet. Ich dachte mir nichts dabei, aber neben mir stand ein junger Mann von etwa 28 Jahren, aus Wittmund/Ostfriesland, der sehr eingeschüchtert war. Er fragte mich, was die Maschinengewehre wohl zu bedeuten hätten. Ich sagte: „Die sind wohl nur als Schreckmittel da." Aber er ließ sich nicht beruhigen und glaubte bestimmt, dass wir bald alle abgeknallt werden würden.
Gegen 5 Uhr morgens wurde es etwas lebhafter; die Nachtwache wurde durch neue SS-Leute abgelöst. Es kamen immer neue und immer mehr wissbegierige SS-Leute, die ausfragten, woher man kam, und ob man den oder jenen kenne. Einer fragte nach Oldenburgern. Einige meldeten sich. Der SS-Mann wollte wissen, ob Bruno Wallheimer dabei sei. Es wurde ihm gesagt, dass er bereits ausgewandert sei. Darauf sagte er: „Ja, der war ja schlauer als ihr." Er hätte nur wissen sollen, dass Wallheimer kurz vor Weihnachten 1936 wegen Verdacht der Rassenschande verhaftet worden war. Nach mehr als sechsmonatiger Untersuchungshaft ist er wegen Mangel des Beweises freigesprochen worden. Noch am selben Abend wurde Wallheimer von Freunden nach auswärts gebracht, und kurz darauf ging er nach Holland. Es kam sonst fast nie vor, dass jemand freigesprochen wurde, wenn er der Rassenschande verdächtig war.
Kurz nach 6 Uhr strömten die Häftlinge massenhaft auf den Appellplatz. Wir erkannten erst jetzt die Hunderte von Baracken, die rings um den Appellplatz lagen. Alles stellte sich militärisch auf. Nach dem Appell marschierte alles zur Arbeit weg.
Wir waren müde, hungrig und schliefen stehend ein. Die Kälte war sehr empfindlich. Vor allen Dingen hatten alle kalte Füße. Alles hustete. Aber wehe, wenn ein SS-Mann beobachtete, dass jemand stehend einnickte. Sofort gab es Faustschläge und Fußtritte. Sie überboten sich im Schimpfen und gefielen sich in Schlagworten, wie: „Ihr denkt wohl ihr seid hier zur Erholung gekommen." Oder: „Habt ihr schon was gegessen?" Er bekam keine Antwort, da holte er sich einen heraus und sagte: „Ich habe gefragt, ob ihr schon was zu Essen bekommen habt." Wenn ihm dann der Mann „nein" antwortete, da lachte er schadenfroh und sagte: „Ihr habt wohl seit drei Tagen keinen warmen Löffel im Leibe gehabt, was?"
So verging Stunde um Stunde, es war schon Mittag. Aber wir durften uns weder bewegen noch umsehen. Die Leute kamen von der Arbeit, versammelten sich zum Mittags-Appell, gingen in die Baracken, kamen wieder zum Appell, gingen wieder zur Arbeit, aber wir standen mit dem Gesicht zur Umfassungsmauer. Von allen Seiten waren die Maschinengewehre auf uns gerichtet. Der Lagerkommandant kam vorbei. Er schrie wie eine Bestie: „Wir haben schon lange auf euch gewartet, Ihr Pestbeulen! Stellt euch nur richtig auf, sonst könnt ihr noch ein paar Tage stehen, bis ihr schwarz werdet!"
Erst als es wieder dunkel wurde, kamen alte Strafgefangene, die unsere Zimmerältesten werden sollten, und holten einen Teil von uns. Nachdem man uns unglaublich oft gezählt hatte, wurden wir vor eine Badeanstalt geführt. Vor dem Bad sollten wir uns draußen soweit fertig machen, damit wir nur die Kleider abzustreifen brauchten. Die Wertsachen und überhaupt alles - außer Taschentuch - sollten wir abgeben. Der Empfang in der Badeanstalt war wieder unmenschlich. Mit Schlägen und Fußtritten wurde man empfangen und ebenso auf allen Abteilungen bedacht.
Bei der Aufnahme der Personalien, bei der Übergabe der Wertsachen, bei der Abgabe der Kleider, der Wäsche, der Schuhe, bei der ärztlichen Untersuchung unter der eiskalten Dusche, bei der Empfangsnahme der Sträflingskleider, und vor allen Dingen beim Kahlschneiden der Haare... Es ging alles so eilig dass sie uns förmlich die Haare ausgezwickt haben.
Dann waren wir wieder draußen nach dem Baden, in unglaublich zerrissener und ungewöhnlich leichter Kleidung mit kahlem Kopf, ohne Kopfbedeckung. Nun hieß es wieder draußen stehen. Nach einer Stunde sollten wir endlich in die Baracken gehen. Wir gingen in der Hoffnung, dass wir nun endlich Ruhe haben würden. Aber weit gefehlt.
Es begann wieder das Zählen und Aufteilen in die einzelnen Baracken. Wir waren alle vollkommen erschöpft und durchgefroren, ausgehungert, erkältet und todmüde. Aber das Zählen nahm kein Ende.
Schließlich kamen wir ca. 300 m entfernt zu nagelneuen Baracken, die für höchstens 140 Mann berechnet waren. Es lag schon etwas Stroh da. Wir dachten, wir könnten uns setzen oder hinlegen. Aber weit gefehlt. Da kamen erst Belehrungen und Warnungen. Als wir endlich so weit waren, dass uns etwas schwarzer Kaffee gegeben wurde, der wie Abwaschwasser aussah, war er kalt. Aber wir bekamen dann 1/2 Kommissbrot und dann sogar noch die für uns reservierte Mittagssuppe, die berüchtigte Fischsuppe, die wir dann fast täglich bekamen. Wir fanden kaum Platz, um sitzend am Tisch zu essen. Wir legten uns daher aufs Stroh und aßen so.
Bald danach wurden wir wieder gezählt, und wir bekamen unsere Schlafplätze angewiesen und je eine Schlafdecke zum Zudecken. Es war sehr eng, wir lagen wie Heringe. Fast keiner legte seine Kleider ab, weil es zu kalt war.
Damit bricht der Bericht mit Seite 24 ab. Dazu schrieb seine Tochter Paula am 6. Juli 1983: „Ja, das Tagebuch meines Vaters hat tatsächlich mit Seite 24 aufgehört ... Mein Vater war in einer solch entsetzlichen Verfassung, dass er zum Psychiater gehen musste. Der Arzt hatte ihm geraten, alles, was seine Seele drückte, niederzuschreiben. Wahrscheinlich ging es meinem Vater dann nach einer Weile besser, so dass er aufgehört hat, die schlimmen Erlebnisse niederzuschreiben.
Mein Vater wurde durch Hilfe seines einflussreichen Vetters, der für uns alle gebürgt hat - er war Gesundheitskommissar von New York und mit Franklin Roosevelt eng befreundet - von Sachsenhausen nach zwei Wochen entlassen. (Er war dort ungefähr vom 10. bis 23. November 1938). Irgendwie haben es meine Eltern fertiggebracht, schleunigst nach Amerika mit dem Schiff zu fahren, und kamen schon Mitte Dezember 1938 in New York an. Meine Schwester und ich sind am 24. November 1938 in Amerika angelangt. Wir waren sechs Wochen mit Verwandten in New York. Dann zogen wir alle zusammen nach Port Chester, einem Vorort von New York, und blieben in einem gemieteten Haus für ein ganzes Jahr. Später zogen wir nach Bridgeport, Connecticut, wo meine Eltern begraben sind.
Keine Rettung gab es für Leo Hirschberg, Wilhelmshaven, und seine Familie. Sie alle wurden als polnische Staatsangehörige am 11. Juni 1939 nach Polen abgeschoben. Über ihr Schicksal schrieb Paula Dreyfuß (Oktober 1984): Mein Onkel, Tante und Cousine Lucie wurden in Polen getötet, und zwar lebendig verbrannt. Meine Cousine wurde erst vergewaltigt. Ich habe das furchtbare Schicksal von einer Freundin erfahren (Malie Korn von Wilhelmshaven).
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Als den amtlichen Todestag dieser Familie setzten die deutschen Behörden den letzten Tag des Krieges, den 8. Mai 1945, fest.
Als die Oldenburger Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit 1966 an Henry Hirschberg geschrieben hatte, antwortete er erst spät. Ich wollte das schon viel eher tun, aber ich kam mir immer wie ein verprügelter Knabe vor, der sich scheut, wieder zu lächeln. |
Verantwortlich: Boeckmann / e-a-d | Stand:
06.07.2008